Auf dem Weg zum Bauhaus in Dessau kamen wir am Globus Baumarkt vorbei – sorry, aber dieser (schlechte) Witz musste einfach sein. Mit dem Besuch in Dessau rollen wir die Geschichte quasi von hinten auf: Nach der Gründung in Weimar im Jahr 1919 änderten sich mit der Landtagswahl in Thüringen 1924 die Machtverhältnisse. Das Bauhaus war aufgrund von Etatkürzungen gezwungen, die Stadt zu verlassen und in Dessau neu zu beginnen.
Das Bauhaus entstand unter der Leitung von Walter Gropius durch die Vereinigung der Großherzoglich-Sächsischen Hochschule für Bildende Kunst mit der von Henry van de Velde 1907 gegründeten Großherzoglich-Sächsischen Kunstgewerbeschule Weimar. Das Ziel war revolutionär: Kunst und Handwerk zusammenführen, sich auf das Handwerk zurückbesinnen und eine neue Formensprache entwickeln.
Diese neue Formensprache wird eindrucksvoll deutlich, wenn man sich dem Bauhausgebäude Dessau nähert – dem ehemaligen Schulgebäude des Staatlichen Bauhauses in Dessau, entworfen von Walter Gropius. Aus heutiger Sicht wirkt der Werkstättenflügel mit der vom Erdgeschoss bis zum dritten Stockwerk reichenden Glas-Vorhangfassade eher unspektakulär. Doch im Jahr 1925 war es eine Revolution.


Allein die Anordnung der unterschiedlichen Gebäude ist ungewöhnlich: Werkstättenflügel, Kunstgewerbe- und Handwerkerschule, Atelierbau, Zwischentrakt mit Aula, Bühne und Mensa sowie der Verwaltungstrakt fügen sich in der Form eines Flügelrads zusammen.
Als Lehrer konnte Gropius bedeutende Künstler wie Lyonel Feininger, Johannes Itten, Gerhard Marcks, Paul Klee, Oskar Schlemmer sowie Wassily Kandinsky gewinnen. Einfluss übte auch der Niederländer Theo van Doesburg aus, Gründungsmitglied der De-Stijl-Bewegung, der in Dessau 1921 bis 1922 Privatkurse gab. 1923 wurden László Moholy-Nagy als Nachfolger des Malers Johannes Itten und Josef Albers als Lehrkräfte berufen.
Auf Druck der Landesregierung, konkrete Ergebnisse vorzuweisen, wurde 1922 eine erste Ausstellung konzipiert. Eine große Ausstellung fand 1923 an drei Ausstellungsstandorten in Weimar statt. Wie so oft bei neuen Konzepten gab es geteilte Reaktionen auf die neue Formensprache: Die Reduzierung auf Funktion, der Verzicht auf Ornamente und die industrielle Fertigung (Serienproduktion) standen oft im Kontrast zum traditionellen Geschmack. Das für das Bauhaus charakteristische Flachdach wurde von den Nationalsozialisten als „entartet”, undeutsch und bolschewistisch geächtet – sie forderten ein traditionelles Satteldach.
Bis zum Start unserer Führung hatten wir ausreichend Zeit, im Museumsshop zu stöbern – ohne größere Ausgaben zu tätigen.
Der anschließende Rundgang begann im Gemeinschaftsbereich mit der markanten Aula, auf deren Bühne Figuren an das von Oskar Schlemmer entworfene Triadische Ballett erinnern. Auch hier ist alles schlicht und funktional gehalten – von den Sitzen bis zur Deckenbeleuchtung.
Wir erfuhren viele Details über das Bauhaus, die sich nicht alle auf Anhieb verarbeiten ließen.


Auf dem Weg durch die Räume und die Treppenhäuser boten sich immer wieder schöne Ausblicke nach draußen durch die moderne Metall-Glaskonstruktion. Auch im rekonstruierten Direktorenzimmer von Walter Gropius stehen kubistische Formen im Vordergrund.






Direkt im Anschluss an die Führung durch das Bauhausgebäude hatten wir eine zweite Führung zu und durch die Meisterhäuser gebucht. Mit unserer aus Berlin angereisten Führerin spazierten wir etwa zehn Minuten die Gropiusallee entlang zu einem kleinen Kiefernwäldchen. In der Mauer, die um das Gelände läuft, deuten lediglich ein kleines Dach und ein Fenster darauf hin, dass hier ein Zweckbau steht. Es handelt sich um eine vom dritten Bauhausdirektor Mies van der Rohe entworfene Trinkhalle: An Wochenenden und in den Sommermonaten werden in dem an Schlichtheit nicht zu übertreffenden Gebäude Erfrischungsgetränke verkauft.

Auf dem Gelände des Kiefernwäldchens standen das Direktorengebäude von Walter Gropius sowie drei Doppelhäuser. In dem wohl bekanntesten Doppelhaus bewohnten Wassily Kandinsky mit Gattin Nina die rechte Hälfte sowie Paul Klee mit seiner Frau Lily und Sohn Felix die linke Hälfte. In den anderen Häusern wohnten László Moholy-Nagy und Lyonel Feininger sowie Georg Muche und Oskar Schlemmer.
Die Direktorenvilla sowie das Meisterhaus Moholy-Nagy wurden durch einen Bombenabwurf 1945 zerstört. Nach der Wiedervereinigung entwarf das Berliner Architekturbüro Bruno Fioretti Marquez eine Annäherung an das ursprüngliche Erscheinungsbild.


Das Doppelhaus Muche/Schlemmer wird seit 2016 bewohnt: Künstler:innen aus aller Welt haben die Möglichkeit, in den Meisterhäusern zu leben und zu arbeiten. Das Doppelhaus Kandinsky/Klee kann seit 2019 wieder besichtigt werden – man kann sich in etwa vorstellen, wie die berühmten Maler hier lebten.
Bei der Farbgestaltung der Innenräume entwickelten die Künstler eigene Ideen, die im engen Zusammenhang mit ihrem Werk stehen.



Der dritte Akt unserer Reise auf den Spuren des Bauhauses fand nach einer Pause im café-bistro im Untergeschoss des Bauhausgebäudes in der Innenstadt von Dessau statt. Hier eröffnete 2019 anlässlich des 100-jährigen Bauhaus-Jubiläums das Bauhaus Museum Dessau – untergebracht in einem vollständig verglasten Gebäude, das den Blick ins Innere erlaubt.

Die Präsentation der Sammlung findet sich im Obergeschoss in einem fensterlosen schwebenden Riegel aus Beton, fünf Meter über den Köpfen der Besucher im Erdgeschoss. Mit einer Kantenlänge von 99 x 18 Metern liegt die sogenannte „Black Box” lediglich auf den zwei 50 Meter voneinander entfernten Treppenhäusern auf. Wir brauchten ein bisschen, bis wir uns in der Ausstellung und der Konzeption zurechtfanden – vielleicht war auch unsere Aufnahmefähigkeit für heute erschöpft.









Auch die Deutsche Bundespost würdigte bereits die Leistungen des Bauhauses in Form von Briefmarken.


Nach dem Besuch der Ausstellung fuhren wir schnurstracks zurück nach Leipzig, wo im vietnamesischen Restaurant Hà Nội unser Abendessen auf uns wartete. Die Vielzahl von Menschen mit vietnamesischen Wurzeln rührt in Ostdeutschland aus der sozialistischen Verbindung der DDR mit Vietnam: Gastarbeiter aus Südostasien arbeiteten in den volkseigenen Betrieben und Studenten absolvierten hier ihr Studium und wurden heimisch. In den 1980er-Jahren wurden rund 70.000 vietnamesische Vertragsarbeiter:innen in die DDR geholt. Im Gegensatz dazu wurden Ende der 1980er Jahre 38.000 Vietnamesen in Westdeutschland aufgenommen, die nach dem Vietnamkrieg in überfüllten Booten ihr Land verlassen hatten (Boat People).


Gestärkt wartete das letzte Highlight auf uns: die Varieté-Revue Rouge im Krystallpalast Leipzig. Die Szenerie spiegelte das Flair Pariser Shows wider, auf der Bühne wurden Tanz- und Artistik-Darbietungen mit musikalischer Untermalung einer Liveband dargeboten. Über zwei Stunden wurden wir sehr gut und auf hohem artistischen Niveau unterhalten.








