Dunkle Regenwolken begrüßten uns heute Morgen zur Erkundung von Manchester: Ein perfekter Vormittag für den ein oder anderen Museumsbesuch. Zwei Stationen mit dem kostenlosen Bus Nummer 2 und wir standen in Chinatown und waren nur noch zwei Minuten von der in einem klassizistischen Gebäude untergebrachten Manchester Art Gallery entfernt.
Der Schwerpunkt der Sammlung liegt auf europäischer und insbesondere auf englischer Kunst vom Barock bis zur Gegenwart, unser anderem mit Gemälden der Gruppe der Präraffaeliten und umfasst Malerei, Kunsthandwerk und Modedesign. Hier ein Blick auf einige der ausgestellten Werke:










Die beiden Maler Pierre Adolphe Valette und Lawrence Stephen Lowry waren Anfang des 20. Jahrhunderts – wenn auch auf sehr unterschiedliche Art – Porträtisten der Stadt und deren Einwohner. So bekamen wir einen Einblick in die Vergangenheit Manchesters. Lowry sollten uns später am Tag noch einmal begegnen.




Von der Art Gallery wählten wir die Buslinie 1 zum Museum of Science and Industry – untergebracht auf dem Gelände des ältesten Fernbahnhofs der Welt. Nachdem der Besuch des Leeds Industrial Museum nicht nach Jochens Vorstellung lief, starteten wir heute einen zweiten Anlauf, um einen besseren Einblick in die Geschichte der Textilindustrie des Landes zu bekommen. Auf der Homepage des Museums waren sowohl für den Bereich der Baumwollverarbeitung als auch in der Power Hall, einer riesigen Halle, in der Eisenbahnen und Dampfmaschinen eine neue Heimat gefunden haben, Vorführungen angekündigt.
Hinter dem Eingang zum Museum stand zunächst ein riesiges Ungetüm mit Schaltern, Kabeln, Kondensatoren und was man 1948 noch alles für den Bau eines Computers benötigte. Sieben Jahre zuvor hatte Konrad Zuse mit seiner Rechenmaschine Z3 den ersten funktionsfähigen Computer der Welt gebaut. Vor uns stand der erste Datenspeicher der Welt mit Namen “Baby”, entwickelt an der Universität in Manchester. Freddy Williams, einer der Architekten von “Baby”, sagte, dass nach dieser Erfindung nichts mehr wie vorher war – Recht hat er.
Um halb eins blieb leider das angekündigte Dröhnen der Klöppel-, Spinn- und Webmaschinen aus. Auf Nachfrage erfuhren wir, dass in dieser Woche (entgegen der Info auf der Homepage) wegen Personalmangels keine Vorführungen stattfinden. Sehr schade, denn so mussten wir uns erneut damit begnügen, die Aufgabe und Funktionsweise der imposanten Maschinen anhand von Schautafeln zu verstehen. In der Halle fanden sich Maschinen für alle wesentlichen Verarbeitungsschritte von der Rohbaumwolle bis zum fertigen Stoff und alle mit dem einen Ziel, schneller und kostengünstiger zu produzieren.

Nach und nach wurde die Arbeitskraft der Menschen durch Maschinen ersetzt


den Rest erledigte die Maschine

Die Vorführung einer Dampfmaschine in der Power Hall fand zwar anschließend statt, war aber mehr für die jüngeren Besucher gedacht. Es wurde die grundsätzliche Funktionsweise einer Dampflok erklärt und wie man aus Kohle, Wasser und Feuer eine Lokomotive zum Laufen bringt. Aber beeindruckend waren die riesigen ausgestellten Maschinen, die die industrielle Produktion von Kleidung und damit den Aufstieg von Manchester zur Welthauptstadt der Baumwollverarbeitung erst möglich machte.







Das Museum of Science and Industry befindet sich im Viertel Castlefield, benannt nach dem römischen Fort, das hier im 1. Jh. n. Chr. stand. Mitte des 18. Jahrhunderts wurden die ersten schiffbaren Kanäle gebaut, um den Transport von Kohle und anderen Güter nach Castlefield zu ermöglichen. Hier befand sich früher der Umschlagplatz für Waren in die Stadt hinein und wieder heraus. Besucher spazieren wie durch ein großes Freilichtmuseum entlang der Kanäle und Hafenbecken, an denen sich Restaurants und Cafés angesiedelt haben. Das Gewirr an Autobahn- und Eisenbahnbrücken zeigt die Weiterentwicklung des Transportwesens in Manchester, nachdem die Schifffahrt auf den Kanälen an Bedeutung verloren hatte.
Castlefield eignet sich hervorragend, um schöne Fotos zu machen, die den Kontrast aus alten Fabrikanlagen, Brücken und modernen Hochhäusern zeigen:






Im Reiseführer stand, dass man von Castlefield aus entspannt entlang des Bridgewater-Kanals spazieren kann. Wir hätten allerdings die Entfernungen vorher etwa genauer checken sollen, denn bis zum nächsten Ziel, der am River Irwell gelegenen Salford Quays, waren es gute vier Kilometer.

Hier befanden sich die Manchester Docks, in ihrer Blütezeit der drittgrößte Hafen Großbritanniens, der nach Einführung der Contrainerschifffahrt jedoch an Bedeutung verlor und letztendlich 1982 geschlossen wurde. Ende der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts begann man mit der Umgestaltung: Anlegestellen und Wassersportanlagen wurden eingerichtet, an Pier 5 und 6 entstanden ein Hotel, ein Kino, Wohnungen und Büros. An Pier 9 wurde die MediaCity UK aus dem Boden gestampft, wo sich unterschiedliche Firmen aus der Medienbranche, der größte davon die BBC, niedergelassen haben.
An Pier 8 entstand das Lowry, ein Theaterneubau, der im Jahr 2000 eröffnet wurde und neben verschiedenen Bühnen unter anderem eine Galerie beherbergt, in der eine Ausstellung mit Werken des Namensgebers L.S. Lowry gezeigt wurden.
Nach einem Espresso im Café des Lowrys schauten wir uns vor der Ausstellung noch die “immersive Experience” Lowry 360 an, bei der das Gemälde Going to the Match zum Leben erweckt wurde: Besucher strömen dabei im Jahr 1953 zu einem Fußballspiel der Bolton Wanderers zum Burnden Park, nordwestlich von Manchester.

Während die Menschen ins Fußballstadion eilen, rauchen im Hintergrund die Schornsteine
Die Bilder des Malers zeigen über die gesamte Dauer seines Schaffens sehr unterschiedliche Stile:




Am gegenüberliegenden Ufer entstand das vom Stararchitekten Daniel Libeskind entworfene Imperial War Museum North. Die dortigen Ausstellungen gehen über ein reines Militärmuseum hinaus, es soll gezeigt werden, wie der Krieg Menschen aller sozialen Schichten in allen Ländern betrifft.
Ebenfalls am südlichen Ufer steht eine Pilgerstätte, die über die Grenzen Manchesters, Englands und Europas hinaus Menschen anlockt. Die Besucher folgen jedoch nicht etwa dem christlichen Glauben, sondern sind Fans von Manchester United. Im Stadtteil Old Trafford steht das Stadion des Vereins, der im Laufe von Jahrzehnten 20 englische Meistertitel, drei mal die Champions League (bzw. Europapokal der Landesmeister) und weitere nationale und internationale Titel gewann. Die Premier League war erst am vorletzten Wochenende zu Ende gegangen, Stadiontouren aber trotzdem aktuell leider nicht möglich – Jochen wollte sich das Stadion dennoch einmal live anschauen.
Den Spielern George Best, Denis Law and Sir Bobby Charlton, die gemeinsam den ersten Europapokal 1968 gewannen, hat man vor dem Stadion ein Denkmal gesetzt.

Das Stadion erlebt damit in der kommenden Saison Champions League Fußball
Der letzte Meistertitel stammt aus der Saison 2012/2013 und nach schwierigen Jahren zeigte die Mannschaft in der letzten Saison eine aufsteigende Tendenz und belegte Platz 3. Beeindruckend neben den Erfolgen des Vereins ist auch der Souvenirshop, hier bleibt für eingefleischte United Fans kein Wunsch offen.




Für den Rückweg ins Stadtzentrum nutzten wir die Tram. Da wir mit der Pizza-Kette Rudy’s in Cambridge gute Erfahrungen gemacht hatten, steuerten wir eine Filiale im Nordosten Manchesters an.
Wie in Cambridge waren wir auch hier mit der Pizza im Rudy’s sehr zufrieden. Auf dem Rückweg durchquerten wir das Northern Quarter, einem Viertel der Künstler und Kreativen, wo die Menschen ihren Feierabend an der frischen Lust genossen.




Unser Programm für heute war jedoch noch nicht abgeschlossen, wir hatten uns Tickets für LUMINISCENCE in der Manchester Cathedral besorgt. Während die Stimme des aus Salford stammenden Schauspielers Christopher Eccleston vom Band erklang, die Geschichte Manchesters anhand wichtiger Ereignisse darstellend, performte ein Gospelchor bekannte Songs – unter anderem von The Verve, Joy Division, Oasis und David Bowie – begleitet von einer aufwendigen Videoinstallation.





so könnte die Finanzierung klappen
Wir waren uns einig, dass “Heroes” leider das am schlechtesten gesungene Lied war – es kann eben einfach nicht jeder. Trotzdem hatte sich der Besuch für uns gelohnt. Nach einem langen Tag mit vielen schönen Eindrücken im Gepäck machten wir uns auf den Rückweg zum Hotel.







