Vorgestern packten wir unsere Koffer, stiegen in die Straßenbahn – das 24-Stunden-Ticket vom Vortag war noch gültig – und fuhren die 18 Stationen zum Flughafen, um dort unseren Mietwagen für die kommenden elf Tage in Empfang zu nehmen. Ab sofort sind wir in einem auffällig hellblauen MG3 Plug-in-Hybrid unterwegs.
Die Fahrt zu unserem ersten Ferienhaus in der Nähe von Hossegor verlief reichlich eintönig – beiderseits der Autobahn war außer Kiefernwäldern nicht viel zu sehen. Einzige Abwechslung boten die Stopps an den Mautstationen, ein unliebsames Ritual auf dem Weg gen Süden, an das wir uns in den kommenden Tagen wohl oder übel gewöhnen dürfen. Die Forêt des Landes, die sich von der Mündung der Gironde im Norden entlang der Garonne im Osten bis zur Adour im Süden erstreckt, ist das größte zusammenhängende Waldgebiet Westeuropas – und praktisch vollständig vom Menschen erschaffen. Die Bepflanzung begann im 19. Jahrhundert und diente dazu, Sümpfe und Moore trockenzulegen sowie Wanderdünen aufzuhalten. Der wirtschaftliche Nutzen war dabei durchaus einkalkuliert.
Am Haus angekommen empfing uns am frühen Nachmittag unsere Concierge Catherine, erklärte die Feinheiten der Mülltrennung, die Bedienung der Klimaanlage und wo sich die nächsten Einkaufsmöglichkeiten befinden. Anschließend machten wir uns selbst auf den Weg, um für Abendessen und Frühstück einzukaufen. Dabei bot sich die Gelegenheit für einen kurzen Stopp am Strand von Hossegor: Nach einer kleinen Dünenbesteigung eröffnete sich der Blick auf einen schier endlosen breiten Sandstrand am Atlantik. Das Abendessen an diesem ersten Abend bestand aus lediglich fünf Zutaten – Nudeln, Zucchini, Tomatensauce, Salat und ein passendes Salatdressing.
Der folgende Tag verlief in bewusst gemächlichem Tempo: Frühstück, lesen unter dem großen Sonnenschirm am Pool, Abendessen – mehr brauchte es nicht.
Erst heute starteten wir am frühen Nachmittag zu unserer ersten längeren Erkundungstour, die uns fast bis zur französisch-spanischen Grenze ins französische Baskenland führte – nach Ciboure, Nachbarort des deutlich bekannteren Saint-Jean-de-Luz. Die Festung am kleinen Hafen wurde ab 1627 vom Festungsbaumeister Ludwigs XIV. Sébastien Le Prestre de Vauban neu gestaltet und sollte den Schutz des Hafens von Socoa und der Bucht von Saint-Jean-de-Luz gewährleisten. Die Boote im Hafen lagen bei Ebbe auf dem Trockenen – auf dem Rückweg zum Auto lief das Wasser langsam und unaufhaltsam ins Hafenbecken zurück.



Vom Fort de Socoa war es nicht weit bis Saint-Jean-de-Luz, angeblich einem der schönsten Orte des baskischen Küstenstreifens, wovon noch wenig – außer einem breiten Sandstrand – zu erahnen war. Doch kaum hatten wir unser Auto in einer Tiefgarage im Stadtzentrum geparkt und traten ans Tageslicht, empfing uns eine pittoreske Fußgängerzone mit schön renovierten Häusern und kleinen Geschäften, durch die sich Besuchermassen drängten.
Erster Anlaufpunkt war der kleine Eisladen Maison Bargeton, bei dem wir das Glück hatten, einen der vier Tische zu ergattern. Für deutsche Verhältnisse nicht gerade günstig, aber sehr zu empfehlen.
Die Häuser in diesem Teil von Saint-Jean-de-Luz liegen allesamt hinter einem hohen Damm, der die Stadt vor der rauen Meeresbrandung schützt. Manch ein Hausbesitzer musste erst zwei Stockwerke fertigstellen, bevor er das Niveau des Damms erreichte – von dort führen Stege hinüber zu den Häusern und ihrem zweiten Eingang im dritten Stock.
Die schön restaurierten Fassaden erstrahlten im typisch baskischen Fachwerk, das ursprünglich, ähnlich wie in Deutschland, mit einem Lehm-Stroh-Gemisch ausgefüllt und mit Kalkmörtel verputzt wurde. Nicht nur die Architektur, auch die Beschilderung – zweisprachig auf Französisch und Baskisch – machte deutlich, dass wir im französischen Teil des Baskenlandes unterwegs waren, einer der drei Provinzen diesseits der Grenze.
Der deutlich größere Teil des Baskenlandes liegt in Spanien. Die baskische Bevölkerung hat sich ihre Sprache und Traditionen über Jahrhunderte bewahrt; heute sprechen noch zwischen 650.000 und 800.000 Menschen Baskisch. Eine Legende besagt, selbst der Teufel habe sieben Jahre lang vergeblich versucht, sie zu erlernen – wir verzichteten daher lieber von vornherein auf den Versuch.

Nach einem ausgiebigen Spaziergang entlang des Damms im Rücken der am Strand sonnenbadenden Urlauber machten wir einen Abstecher zur Kirche Saint-Jean-Baptiste, in der am 9. Juni 1660 der spätere Sonnenkönig Ludwig XIV. die Tochter des spanischen Königs Maria Teresa heiratete. Die prächtige vergoldete Altarwand konnte der königliche Bräutigam bei seiner Hochzeit allerdings noch nicht bewundern – sie wurde erst 1670 fertiggestellt und zeigt auf vier Ebenen besonders verehrte Heilige sowie in der Mitte den Namensgeber der Kirche, den Heiligen Johannes den Täufer.





Am Heck trägt das Modell die Inschrift “Zu Ehren Ihrer Majestät der Kaiserin Eugénie”, Ehefrau Napoleons III.
Bis zur Öffnung der Restaurants – auch hier nicht vor 19 Uhr – blieb noch etwas Zeit, die wir für einen Spaziergang zum kleinen Hafen nutzten, dem größten Umschlagplatz für Thunfisch in Frankreich. Nebenbei ließen wir das Haus auf uns wirken, in dem Ludwig XIV. einen Monat lang auf seine Hochzeit vorbereitet wurde. Ob er die Wartezeit als ebenso lang empfand wie wir die bis zur Restaurantöffnung, ist nicht überliefert.

Wir hatten recherchiert, dass das italienische Restaurant Bellini um 19 Uhr seine Pforten öffnet. Als wir kurz danach eintrafen, mussten wir uns schon in eine Schlange der Hungrigen einreihen – und hatten das Glück, auch ohne Reservierung einen Tisch im Inneren zu bekommen. Die Pizza war ausgesprochen gut, auch wenn auf der vegetarischen Variante die Balsamico-Creme nach unserem Geschmack entbehrlich gewesen wäre.



Auf dem Nachhauseweg waren wir uns einig: Der Reiseführer hatte recht, Saint-Jean-de-Luz ist absolut einen Besuch wert.












