Salleboeuf (06.09.) – Zwischenstopp in Bazas und am Schloss Roquetaillade

Für 9:30 Uhr hatte sich die Concierge Cathérine unseres Ferienhauses angekündigt, um die Endabnahme durchzuführen. Die Aktion war schnell erledigt, und wir waren kurz danach schon im Auto unterwegs in Richtung Norden. Für die kommenden fünf Tage haben wir unser zweites Ferienhaus östlich von Bordeaux gemietet. Das dortige kontaktlose Einchecken war leider erst ab 16:00 Uhr möglich, die Fahrt dorthin dauerte jedoch nicht länger als zweieinhalb Stunden – man muss kein Mathegenie sein, um festzustellen, dass man genügend Zeit hat, sich unterwegs noch etwas anzuschauen.

Auf dem Großteil der Strecke entlang der Autoroute A65 gab es nur wenig touristisch interessante Ziele, und so steuerten wir erst nach knapp zwei Stunden die Kleinstadt Bazas mit ihren knapp 5.000 Einwohnern an. Im Mittelalter war sie ein Etappenziel auf dem Pilgerweg nach Santiago de Compostela und bis Ende des 18. Jahrhunderts Bischofssitz. Mit diesem Hintergrundwissen ist verständlich, warum ein so kleiner Ort eine so mächtige ehemalige Kathedrale beherbergt.

Ehemalige Kathedrale St-Jean-Baptiste

Bis auf Samstag, wenn Markttag ist, kann man sein Auto sehr zentral auf dem Platz vor dem Rathaus und der Kathedrale parken und sich die wichtigsten Sehenswürdigkeiten mit wenigen Schritten erschließen. Aus der Kirche war noch die Stimme des Pfarrers zu vernehmen, der die Messe jedoch kurze Zeit später beendete und eine große und überraschend junge Kirchengemeinde nach draußen begleitete. Der Hintergrund, warum dort Getränke und Snacks gereicht wurden, war uns nicht ersichtlich, aber vielleicht ein Grund für das zahlreiche Erscheinen der Gläubigen.

Messwein für alle

Das Portal der Kirche, Johannes dem Täufer geweiht, ist reich mit Steinmetzarbeiten geschmückt. Im Zuge der Hugenottenkriege im 16. Jahrhundert und der Französischen Revolution Ende des 18. Jahrhunderts wurde die Kathedrale stark in Mitleidenschaft gezogen, das prächtige Portal überstand die Unruhen jedoch weitgehend unbeschadet. Wer sich als Gläubiger ein Bild machen wollte, was ihn nach seinem Tod erwartet, der musste nur einen Blick auf das Hauptportal werfen. In der Mitte ist das Jüngste Gericht dargestellt, das die Menschen entweder ins himmlische Jerusalem oder in den Höllenschlund schickte – also schön benehmen zu Lebzeiten!

Im Innern der Kathedrale beeindrucken vor allem die Dimensionen der Kirche, die insgesamt 83m Länge aufweist.

Für einen Ort mit 5.000 Einwohnern besitzt Bazas eine sehr großzügig dimensionierte Kirche

Da der nächste und letzte Zwischenstopp Schloss Roquetaillade seine Pforten erst um 14:30 Uhr für Besucher öffnete, die auf einer einstündigen Tour um 15 Uhr durch das Schloss geführt werden wollten, nahmen wir erst einmal in der kleinen Bar Le Comptoir Platz und bestellten uns einen Espresso. Der weitere Erkundungsgang durch die Stadt war schnell abgeschlossen, und so fanden wir uns kurz darauf wieder im gleichen Lokalität ein, bestellten kleine Snacks und weitere Getränke und beobachteten dabei die Szenerie.

Essen ist ein wirklich schöner Zeitvertreib
Das war für längere Zeit heute unser Blick vom Tisch der Bar Le Comptoir aus

Vor allem für Alex lohnte sich der Aufenthalt, denn es gab einiges nach ihrem Geschmack auf die Ohren, die hausgemachte Spotify-Playlist war u.a. mit vielen David Bowie-Songs gespickt. Wir wurden also sehr gut unterhalten.

Kurz nach 14 Uhr war es dann soweit, wir brachen in Richtung Schloss Roquetaillade auf. Täglich werden nur zwei öffentliche Führungen (und natürlich nur auf Französisch) angeboten, und so standen bereits eine halbe Stunde vor Öffnung Menschen vor dem verschlossenen Tor zur Schlosseinfahrt und warteten wie wir auf Einlass.

Auf dem Gelände stehen zwei Schlösser: ein altes, heute eher als Ruine zu bezeichnendes Schloss, und das Neue Schloss, 1306 von dem Neffen Papst Clemens V., Kardinal Gaillard de la Mothe, erbaut, sowie eine Kapelle.

Reste des alten Schlosses
Das neue Schloss – so stellt man sich ein mittelalterliches Schloss vor
Blick auf die Kapelle Saint-Michel

Das Schloss war immer im Besitz der gleichen Familie und wurde nie verkauft. Die Familie bewohnt es heute immer noch, was die reglementierten Besuchszeiten erklärt. Die Pracht im Innern vermutet man beim Betrachten der wuchtigen Wehrtürme nicht. Die Anlage wurde im 19. Jahrhundert von Eugène Viollet-le-Duc umfassend restauriert und umgestaltet, wobei gotische und Jugendstil-Elemente einflossen. Viollet-le-Duc war ein berühmter Architekt seiner Zeit und unter anderem verantwortlich für den Entwurf der berühmten, mittlerweile wieder rekonstruierten Vierungsturmspitze von Notre-Dame in Paris sowie die Rettung, Sanierung und Rekonstruktion der Stadtbefestigung von Carcassonne.

Fotografieren war nur außerhalb der Gebäude und im Innern der Kapelle erlaubt. Nicht unerwähnt soll bleiben, dass hier Meilensteine der Filmgeschichte gedreht wurden, wie z.B.im Jahr 1967 Fantomas bedroht die Welt mit Louis de Funès und Jean Marais in den Hauptrollen.

Die kleine Saint-Michel-Kapelle war im 12. Jahrhundert die Dorfkapelle des gleichnamigen Dorfes, das nach dem Hundertjährigen Krieg nach und nach verlassen wurde und Ende des 16. Jahrhunderts komplett verschwunden war. Die Kirche, die heute noch für kirchliche Anlässe wie Trauungen und Taufen der Besitzerfamilie genutzt wird, wurde im 19. Jahrhundert im orientalisierenden und maurischen Stil ausgemalt. Auch die Initialen des Ehepaars, das die Restaurierung in Auftrag gab, finden sich dort wieder – M steht für den Marquis de Mauvesin, G für seine Ehefrau, die Marquise Galard de Béarn.

Die im Innern des Schlosses zu besichtigenden Räume waren wirklich sehr beeindruckend und mit allerlei Raffinessen ausgestattet, so zum Beispiel eine Tür in einem der Räume mitsamt eingebauter Zugvorrichtung, um eine Brücke über den Burggraben schlagen zu können, oder die voll ausgestattete Küche, die heute angeblich immer noch von der Familie genutzt wird.

Unsere Gästeführerin, die einen hervorragenden Job machte, hatte es wahrlich nicht leicht mit ihrer über 40 Gäste umfassenden Gruppe inklusive drei lärmenden und nicht unter Kontrolle zu bringenden Kleinkindern. Nach 80 Minuten entließ sie uns, sodass wir zu unserer Unterkunft weiterfahren konnten.

Anhand der Fotos bei Airbnb hatten wir uns die Unterkunft etwas schöner und vor allem in einem saubereren Zustand gewünscht. Nachdem wir uns durch die technisch anspruchsvolle Bedienung der Klimaanlage gekämpft hatten, um die 37 Grad Außentemperatur aus dem Haus rauszukriegen, stand uns nicht der Sinn danach, in der Küche unser Abendessen zuzubereiten.
Wir suchten schnell nach einer (Sonntag abend vor 19 Uhr geöffneten) Alternative und wurden bei dem (auch nicht gerade komfortablen) asiatischen Imbiss Pokéwok fündig.

Für die kommenden Tage ist noch sehr viel Luft nach oben, was unsere abendliche Verpflegung anbelangt – zumindest was das Ambiente angeht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert