Salleboeuf (08.09.) – Ein entzückendes mittelalterliches Dorf im Herzen der Weinberge

Die simpelsten Sachen waren heute wirklich nicht einfach zu erledigen. Es fing mit dem Einkauf von Backwaren für das Frühstück an: Der gewählte Supermarkt öffnete erst um 9 Uhr – dumm, wenn man um 8:45 Uhr auf den Parkplatz einbiegt. Der zweite, etwas kleinere und in entgegengesetzter Richtung liegende Supermarkt Carrefour Contact verfügte über ein reichhaltiges Angebot an Lebensmitteln, aber nicht an frischen Backwaren. Zum Glück gab es einen Bäcker um die Ecke, der letztendlich Baguette und Pain au chocolat im Angebot hatte.
Am Nachmittag versuchte Jochen, seine wilde Mähne bei einem Friseurbesuch einer Überarbeitung zu unterziehen. Der erste angesteuerte Friseur hatte erst am nächsten Nachmittag wieder einen Termin frei, der zweite in Google Maps angezeigte Laden existierte nicht (mehr?), das dritte Geschäft war geschlossen – erst beim vierten Versuch, einem Barbershop, stellte sich Erfolg ein. Die Konversation auf Französisch war nicht einfach, obwohl der Auftrag eher unkompliziert war, das Ergebnis konnte sich aber sehen lassen.

Diesen Kunden wird der Barber nicht so schnell vergessen – nicht wegen des Haarschnitts, sondern weil er darauf bestand, 2 EUR Trinkgeld zu geben, was in Frankreich anscheinend unüblich ist

Zum Glück waren nicht alle Aufträge so kompliziert in der Abarbeitung. So hatten wir am Morgen zum Beispiel erfolgreich für 16:00 Uhr eine einstündige Tour durch ein Weingut in Saint-Émilion mit anschließender Verkostung dreier unterschiedlicher Crémants gebucht, und die Tischreservierung in einer Crêperie für 18 Uhr war ebenfalls schnell erledigt. Es blieb also noch ein bisschen Zeit, zu relaxen, den morgigen Tag zu planen und im Lesestoff voranzukommen.

Saint-Émilion wurde im Reiseführer als (1) ein schönes mittelalterliches Dorf (2) inmitten von Weinbergen (3) mit einer Menge amerikanischer Touristen beschrieben – all das war zutreffend. Einen kostenlosen Parkplatz fanden wir an der Straße, und es dauerte eine gewisse Zeit, bis wir Touristen antrafen, die nicht Englisch sprachen.

Die Fahrzeuge sieht man in Saint-Émilion des Öfteren
Bei dem Panorama kann man verstehen, warum die Stadt so viele Touristen anlockt – ganz abgesehen von Wein und gutem Essen

Die Tour im Weingut Cloître des Cordeliers startete im riesigen Verkaufsraum, ursprünglich die Kirche eines ehemaligen Klosters und sehr aufwendig renoviert. Im daneben liegenden Kreuzgang mit Möglichkeit zu einer Verkostung des edlen prickelnden Rebensaftes hatte sich die Besuchergruppe einer Flusskreuzfahrt niedergelassen. Nur fünf Minuten später herrschte wohltuende Ruhe, die Gruppe war zum nächsten Programmpunkt aufgebrochen.

Das Weingut befindet sich im ehemaligen Franziskaner Kloster
In der ehemaligen Klosterkirche findet sich heute der Verkaufsraum –
“angemessen” trifft es wohl ganz gut
Stilvoll lässt sich ein Gläschen im Kreuzgang trinken
In den Bäumen des Weinguts wachsen gar sonderliche Früchte

Unter unseren Füßen in 20m Tiefe lag das nächste Ziel des Rundgangs. Der Untergrund von Saint-Émilion ist durchlöchert wie ein Schweizer Käse. Insgesamt wurden im 18. Jahrhundert mehr als 20 Kilometer Gänge in den felsigen Untergrund geschlagen, um ideale Bedingungen für die Lagerung und Reifung von edlen Tropfen zu schaffen.

Die Flaschen rechts und links stehen nur noch als Deko. Trinken kann man den Wein nicht mehr und außerdem werden die Flaschen heute in Gitterboxen gelagert
Sogar unter Tage kann man mit dem TukTuk eine Runde drehen

Die Technik der Crémant-Herstellung – die genauso abläuft wie die des Champagners, sich aber nicht so nennen darf, da das Getränk nicht aus der Champagne stammt – hat sich seit ihrer Erfindung stark verändert. Das Prinzip ist zwar immer noch gleich, Handarbeit wurde jedoch weitgehend durch Maschinen ersetzt. Dauerte es früher 21 Tage, mittels Hefe und Zucker die notwendige Kohlensäure in den Flaschen zu erzeugen, geht dies heute mit Maschinenunterstützung in sieben Tagen. Das aufwendige Drehen der Flaschen von Hand, um später die Reste der Hefe entfernen zu können, erfolgt heute in auf Paletten gelagerten Kisten. Ein bisschen Romantik ist damit verloren gegangen, aber ansonsten wäre eine so große Produktion gar nicht möglich.

Der im Anschluss verkostete weiße Crémant schmeckte uns beiden ausgesprochen gut, der Rosé nicht ganz so, und beim zu guter Letzt probierten sehr schweren Rotwein aus 75% Merlot und 25% Sauvignon Franc waren wir uns nicht einig.

Für Crémant ist das Bordelais eher nicht bekannt, mehr die Regionen Loire und Elsass
– trinkbar waren die angebotenen Crémants aber durchaus

Beim Spaziergang durch die historischen Gassen waren wir jedoch einer Meinung und konnten zweifelsohne nachvollziehen, warum so viele Touristen den Weg hierher finden.

Altstadtgasse in Saint-Émilion: Die Touristen sitzen entweder gerade beim Abendessen oder sind schon wieder weiter gezogen
Ein Teil der Touristen hatte es sich unter den Schirmen vor der in den Felsen geschlagenen Felsenkirche gemütlich gemacht
An schönen Restaurants…
und an Weingeschäften mangelt in der Stadt nicht

Auch beim Abendessen in der Crêperie Du Parvis gab es für uns keine zwei Meinungen – die Galettes waren vorzüglich und sogar mit einem kleinen kostenlosen Salat begleitet.

Auf dem Nachhauseweg setzte pünktlich der angekündigte Regen ein. Eine Kaltfront zog heute Abend durch, morgen sollen nur noch knapp über 20 Grad vorherrschen, aber es soll trocken bleiben. Gute Voraussetzungen für den geplanten Ausflug ins Médoc, dem Weinanbaugebiet am linken Ufer der Garonne, das mit seinen Spitzenweinen den weltbekannten Ruf der Weinregion rund um Bordeaux begründet hat.

Zum Abschied noch ein Blick auf die Weinberge und eines der Weingüter rund um Saint-Émilion

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert