Zunächst einmal ein paar Fakten zum Weinanbau in der Region rund um Bordeaux: Das Weinanbaugebiet ist das ertragreichste Weinbaugebiet Europas, jährlich werden sechs Millionen Hektoliter Wein erzeugt. Die Halbinsel Médoc, im Westen von Bordeaux südlich der Gironde, dem Mündungsdelta von Dordogne und Garonne gelegen, war das Ziel unserer heutigen Tour. Hier sind die weltweit bekanntesten Weingüter wie Château Margaux, Château Lafite Rothschild oder Château Latour zu Hause. Übrigens tragen die Weingüter alle den Namen Château, ganz gleich, ob sich dahinter tatsächlich ein Schloss verbirgt oder nur ein schmuckloser Zweckbau. Während in anderen Regionen des Bordelais auch Weißwein angebaut wird, findet sich im Médoc ausschließlich Rotwein der Rebsorten Cabernet Sauvignon, Merlot, Cabernet Franc und Petit Verdot.
Nach etwas Recherche fanden wir ein Weingut, das Touren auf Englisch zu einem akzeptablen Preis (von 15 EUR pro Person) durch seinen Betrieb anbot: so fanden wir uns kurz vor 12:00 Uhr am Château Paloumey ein.

– nach links schließt sich die Verarbeitung der Weintrauben und Lagerung des Weins an
Das Weingut wurde bereits im 19. Jahrhundert gegründet, hatte jedoch wie viele andere mit Reblausplage, Kriegen und Wirtschaftskrisen zu kämpfen und verschwand schließlich in den 1950er Jahren. Im Jahr 1989 wurde es dann von Martine Cazeneuve wiederbelebt, deren Sohn heute Hausherr und Winzer ist.
Zur Tour hatte sich neben uns lediglich ein weiterer Gast aus Deutschland angemeldet. Da unsere Gästeführerin in der Vergangenheit schon für eine deutsche Firma gearbeitet und auch in Deutschland gelebt hatte, freute sie sich, uns das Weingut auf Deutsch näherbringen zu können. Am beeindruckendsten auf unserem Rundgang war sicherlich das Fasslager mit Fässern aus unterschiedlichen Herkunftsländern, die teuersten aus einem Wald im Herzen Frankreichs mit Kosten von bis zu 1.000 EUR pro Fass. Nach der Nutzung werden diese an Whisky-Produzenten weiterverkauft, erzielen dabei aber nur noch einen Wiederverkaufswert von unter 100 EUR – Recycling lebt vom Mitmachen.
Die sehr schweren Rotweine, die wir im Anschluss probieren durften, verleiteten uns nicht zu einem Kauf – dafür deckte sich der andere Teilnehmer aus Bayern mit insgesamt 12 Flaschen für einen langen, dunklen Winter auf der Couch ein.
Die Klassifizierung der Weine, ein wichtiges Kaufargument für viele Kunden, ist wahrlich nicht einfach zu verstehen. Eine bis heute gültige und seit ihrer Einführung kaum veränderte Einstufung der Weine aus dem Médoc stammt aus dem Jahr 1855 – sie geht auf Napoleon III. zurück, der sie anlässlich der Weltausstellung in Paris in Auftrag gab. Entscheidend für die Einstufung waren Ruf und Handelspreise der jeweiligen Châteaux. Bis heute ist die Offizielle 1855 Bordeaux Wein Klassifikation ein international akzeptierter Maßstab für 60 Weingüter im Médoc, die in fünf Kategorien eingestuft wurden, von den “Premiers Crus” bis zu den “Cinquièmes Crus”. Zusätzlich dazu haben die einzelnen Regionen weitere Klassifizierungen eingeführt, die alle fünf Jahre erneuert werden. Im Médoc sind aktuell 170 Weinbaubetriebe gelistet: 120 “Crus Bourgeois”, 36 “Crus Bourgeois Supérieurs” und 14 “Crus Bourgeois Exceptionnels”.
Die Département-Straße D2 schlängelte sich durch das überraschend flache Weingebiet des Médoc, vorbei an endlosen Anbauflächen, in denen die Traubenernte bereits auf Hochtouren lief – teilweise mit Vollerntern, teilweise noch von Hand – und immer wieder tauchten dabei prächtige Gebäude inmitten der Rebflächen auf, für uns jeweils Ziel eines kurzen Fotostopps.



das Chateau Lynch-Bages mit einer vollständig verglasten Fassade
Pauillac, am Ufer des Mündungsdeltas von Garonne und Dordogne gelegen, bot sich uns für eine kurze Pause an – was offensichtlich nicht allzu viele Besucher am frühen Nachmittag tun, denn Cafés und Restaurants waren fast ausnahmslos geschlossen. Ein Schild an der Uferstraße wies uns zu einem Café in einer schmalen Straße, in der alle anderen Geschäftsinhaber mittlerweile das Weite gesucht haben. Außer uns gab es keine weiteren Gäste, aber wir freuten uns über einen aufmunternden Espresso, bevor es weiterging mit Weinreben und prachtvollen Anwesen.

Auf der weiteren Fahrt durch das Médoc boten sich weitere Möglichkeiten für Fotostopps. Völlig verwirrend war für uns, dass die Tore der Weingüter geöffnet waren, aber offensichtlich nicht für Besucher, sondern für die Arbeiter, die die Weinernte einfahren.


Vom Ufer der Gironde wies uns das Navi den Weg einmal quer durch den Regionalen Naturpark Médoc Richtung Atlantikküste und Süden zu unserem letzten Ziel des heutigen Tages: Cap Ferret, die kleine Landzunge, die die Bucht von Arcachon vom Atlantischen Ozean trennt. Auf dem Weg zum südlichsten Punkt Le Cap Ferret fuhren wir kilometerlang durch Kiefernwälder, in denen die riesigen Waldbrände, die hier noch vor ein paar Wochen wüteten, Verwüstung hinterlassen haben. Wälder sind komplett zerstört, und immer wieder waren in den verstreut liegenden Siedlungen ausgebrannte Häuser zu sehen. Die Bilder, die wir sahen, kennt man ansonsten nur aus Zerstörungen in Kriegsgebieten. Da wir keinen Katastrophentourismus betreiben, verzichteten wir auf Fotos der Gebäude, hinter denen Schicksale von Familien liegen.
Ganz anders sah die Situation am Cap selbst aus, das von der Feuersbrunst verschont blieb. Während früher hier lediglich ein paar Fischer lebten und ab 1860 die Austernzucht begann, dominiert heute der Tourismus. Bars, Cafés und Restaurants locken die Besucher an, in den kleinen Häfen liegen unzählige Freizeitboote vor Anker und warten auf eine Ausfahrt.
Wir fanden einen Platz im italienischen Restaurant Le Pinasse Café mit Blick auf die Bucht von Arcachon sowie auf der gegenüberliegenden Seite auf die rund 100 m hohe und etwa 2,7 Kilometer lange Wanderdüne Dune du Pilat.
Das Essen war ausgezeichnet, der Service aufmerksam, und auf dem Weg zur Toilette sahen wir, dass man im Innern auch in kühleren und regnerischen Jahreszeiten sehr schön sitzen kann. Bei langsam untergehender Sonne begannen auch die Temperaturen zu sinken, und als die Gänsehaut nicht mehr verschwinden wollte machten wir uns auf den weiten Rückweg zu unserer Unterkunft.


















