Goldrain (Südtirol) 17.09. – Hoch hinaus

Äpfel und Weintrauben sind nicht alles, was man im Vinschgau an Früchten ernten kann – um das zu erkennen, mussten wir allerdings ins Martelltal, ein hochalpines Seitental der Etsch hinauf: Auf einer Höhe zwischen 800m und 1.700m werden hier Erdbeeren auf 40 Hektar angebaut, was zu einer Erntemenge von ca. 800 Tonnen pro Jahr führt. Daneben werden in kleinerem Umfang andere Obstsorten wie Kirschen, Johannisbeeren und Himbeeren kultiviert. Im Gegensatz zum Etschtal, wo die Ernteaktivitäten für Äpfel und Weintrauben gerade starten, ist hier die Ernte für dieses Jahr bereits abgeschlossen.

Wir fuhren teilweise in Serpentinen an Erdbeerfeldern vorbei, bis die Straße auf über 2.000m an einem großen Parkplatz endete. Von hier aus führen Wanderwege unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade in die Berge hinauf. Wir entschieden uns für den familienfreundlichen Wanderweg rund um die Plima-Schlucht bis zur Zufallhütte, der auf einer Länge von 6 km eine Höhendifferenz von 250m überwindet – für uns völlig ausreichend.

Auf dem Weg zur Hütte boten sich spektakuläre Ausblicke in die Schlucht, doch zunächst genossen wir eine schöne Spiegelung der Berge in einem kleinen Alpensee.

Spieglein, Spieglein in dem See…

Nach einem ersten Blick vom Rand kamen wir zur Aussichtsplattform “Panoramasichel”, die über den Rand der Schlucht hinausragt. Sofern man schwindelfrei ist und sich den Blick in die Tiefe zutraut, eröffnet sich ein toller Blick auf die Schlucht.

Blick in die Tiefe
Oben auf dem Berg ist bereits unser Ziel, die Zufallhütte, zu sehen
Im Hintergrund das ehemalige Luxushotel “Paradiso del Cevedale” – heute eine Ruine

Das zweite spektakuläre Bauwerk nennt sich “Aussichtskanzel” und ist wirklich nur für Schwindelfreie mit starken Nerven geeignet: die Plattform scheint frei über der Schlucht zu schweben – wir konnten nur hoffen, dass der Architekt die Statik ordentlich berechnet hat.

Von hier sieht die Aussichtskanzel noch recht unspektakulär aus, ein Foto nach unten traute sich Jochen allerdings nicht zu
Die frei über der Schlucht schwebende Aussichtskanzel, von der anderen Seite fotografiert

Immer weiter ging es bergauf, teilweise sehr steil und steinig, aber das Ziel hatten wir schon fest im Blick.

Blick zurück auf dem Weg nach oben
Nicht mehr weit, dann wartet dort oben eine Stärkung auf uns

Die letzte Station auf dem Erlebnisweg Plimaschlucht war eine Hängebrücke über die Schlucht – für Jochen hätte sie ruhig ein wenig schaukeln können, Alex war ganz froh, dass sie das nicht tat.

Die Stahlkonstruktion sieht vertrauenswürdig aus

Nun waren es nur noch ein paar Meter bis zur Hütte mit einem herrlichen Ausblick ins Tal und auf die umliegenden Berge, die bereits zum Nationalpark Stilfser Joch gehören. Eine Handvoll Schafe waren weniger an dem Ausblick, sondern an der Nahrungsaufnahme interessiert, verschmähten aber auch nicht die Streicheleinheiten, die Jochen ihnen zukommen ließ.

Auch an der entlegensten Stelle findet man noch eine Kirche – im Innern mit Andenken an Menschen, die in den Bergen ihr Leben gelassen oder einen besonderen Bezug zu dem Ort haben
Endlich ein Wasserfall!
Bitte streichle mich!

Im Innern der Hütte hingen Fotos vom Hüttenwirt mit Sepp Maier und Reinhold Messner, wir waren also nicht die ersten Spitzensportler, die die Hütte besuchten. Der Hüttenwirt hinter der Theke nahm tiefenentspannt unsere Bestellung entgegen – zwei Sportwasser und einen Kaiserschmarrn – nicht ohne zwischendurch etwas in Vinschgauer Dialekt zu murmeln, das wir beim besten Willen nicht verstehen konnten, wir mussten um Untertitel bitten.

Gehört sicher zu den Grundnahrungsmitteln auf einer Hütte
Wofür man ausgelatschte Bergschuhe nicht alles verwenden kann – wir sollten unsere Blumentöpfe zu Hause ersetzen
Eine Biene bei ihren letzten Besorgungen vor dem Wintereinbruch

Wir waren nicht die einzigen Gäste auf der Hütte, die neben der Bewirtung von Tagesgästen auch für Übernachtungen genutzt werden kann. Um sich von den Strapazen der Bergwanderung zu erholen, bot sich neben der kalorienreichen Zufuhr von Speisen und Getränken auch die Möglichkeit, eine Sauna zu nutzen.

Die können alle noch einen Kaiserschmarrn mehr zu sich nehmen

Nach der Stärkung stieg Jochen bis zur alten Staumauer aus dem Jahr 1891 noch ein Stück höher den Berg hinauf. Das Tal hatte immer wieder mit Überschwemmungskatastrophen zu kämpfen – verursacht durch Schmelzwasser im Frühjahr. Daher entschloss man sich, einen Staudamm unterhalb der Gletscher zu bauen, um zukünftige Unglücke zu verhindern und den Abfluss das Wassers zu regulieren. Nachdem sich der Gletscher mittlerweile zurückgezogen und man weiter im Tal einen größeren Stausee gebaut hat, ist die Gefahr von Überschwemmungen mittlerweile gebannt und der alte Staudamm hat keinerlei Funktion mehr.

Sicherlich eine Schinderei Ende des 19. Jahrhunderts, diese Steine aufzuschichten

Eigentlich unglaublich, welchen technischen Fortschritt die Menschheit in den letzten 100 Jahren gemacht hat. Ende des 19. Jahrhunderts war man froh, Überschwemmungen zu verhindern, heute ist man glücklich darüber, auf 2.300m Höhe ein Telefonnetz zu haben – für Jochen ein tolles Fotomotiv.

Werbefoto für Telecom Italia

Noch ein letzter Blick auf das Martelltal von oben, dann konnte der gemeinsame Abstieg mit Alex ab der Zufallshütte über einen breiteren und einfacheren Weg auf der anderen Seite der Plima-Schlucht beginnen.

Blick ins Martelltal – links im Vordergrund die Zufallhütte, rechts hinten die rot leuchtende Ruine des Hotels Paradiso del Cevedale

Auf der Fahrt ins Tal machten wir noch kurz Stopp an einer Weide mit interessant geschorenen, friedlich vor sich hin grasenden Alpakas. Wobei nicht alle Tiere grasten, eines war besonders aufmerksam, schaute ganz angespannt in eine Richtung und spitzte die Ohren. Den Grund seines Verhaltens konnten wir nicht in Erfahrung bringen – aber wer kann auch schon die Gedanken eines Alpakas erraten?

Irgendetwas da hinten scheint sehr interessant zu sein
Was geht wohl in diesem Kopf unterhalb der hochgestellten Ohren vor sich?
Wir werden es nie erfahren

Für das Abendessen fuhren wir nach Laas – berühmt für seinen reinen weißen Marmor. Im Gasthof zur Sonne fanden wir einen freien Tisch und ließen uns eine sehr ordentliche Portion Spaghetti Bolognese und eine Jausenplatte mit Südtiroler Spezialitäten von Käse, Schinken und Wurst schmecken.

Zum Glück hatte Mama Miracoli heute frei und es gab ordentliche Bolognese-Sauce
Halbe Wutz auf Holzteller mit Gürkchen, Tomätchen und Silberzwiebelchen

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