Äpfel und Weintrauben sind nicht alles, was man im Vinschgau an Früchten ernten kann – um das zu erkennen, mussten wir allerdings ins Martelltal, ein hochalpines Seitental der Etsch hinauf: Auf einer Höhe zwischen 800m und 1.700m werden hier Erdbeeren auf 40 Hektar angebaut, was zu einer Erntemenge von ca. 800 Tonnen pro Jahr führt. Daneben werden in kleinerem Umfang andere Obstsorten wie Kirschen, Johannisbeeren und Himbeeren kultiviert. Im Gegensatz zum Etschtal, wo die Ernteaktivitäten für Äpfel und Weintrauben gerade starten, ist hier die Ernte für dieses Jahr bereits abgeschlossen.
Wir fuhren teilweise in Serpentinen an Erdbeerfeldern vorbei, bis die Straße auf über 2.000m an einem großen Parkplatz endete. Von hier aus führen Wanderwege unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade in die Berge hinauf. Wir entschieden uns für den familienfreundlichen Wanderweg rund um die Plima-Schlucht bis zur Zufallhütte, der auf einer Länge von 6 km eine Höhendifferenz von 250m überwindet – für uns völlig ausreichend.
Auf dem Weg zur Hütte boten sich spektakuläre Ausblicke in die Schlucht, doch zunächst genossen wir eine schöne Spiegelung der Berge in einem kleinen Alpensee.

Nach einem ersten Blick vom Rand kamen wir zur Aussichtsplattform “Panoramasichel”, die über den Rand der Schlucht hinausragt. Sofern man schwindelfrei ist und sich den Blick in die Tiefe zutraut, eröffnet sich ein toller Blick auf die Schlucht.



Das zweite spektakuläre Bauwerk nennt sich “Aussichtskanzel” und ist wirklich nur für Schwindelfreie mit starken Nerven geeignet: die Plattform scheint frei über der Schlucht zu schweben – wir konnten nur hoffen, dass der Architekt die Statik ordentlich berechnet hat.


Immer weiter ging es bergauf, teilweise sehr steil und steinig, aber das Ziel hatten wir schon fest im Blick.


Die letzte Station auf dem Erlebnisweg Plimaschlucht war eine Hängebrücke über die Schlucht – für Jochen hätte sie ruhig ein wenig schaukeln können, Alex war ganz froh, dass sie das nicht tat.


Nun waren es nur noch ein paar Meter bis zur Hütte mit einem herrlichen Ausblick ins Tal und auf die umliegenden Berge, die bereits zum Nationalpark Stilfser Joch gehören. Eine Handvoll Schafe waren weniger an dem Ausblick, sondern an der Nahrungsaufnahme interessiert, verschmähten aber auch nicht die Streicheleinheiten, die Jochen ihnen zukommen ließ.



Im Innern der Hütte hingen Fotos vom Hüttenwirt mit Sepp Maier und Reinhold Messner, wir waren also nicht die ersten Spitzensportler, die die Hütte besuchten. Der Hüttenwirt hinter der Theke nahm tiefenentspannt unsere Bestellung entgegen – zwei Sportwasser und einen Kaiserschmarrn – nicht ohne zwischendurch etwas in Vinschgauer Dialekt zu murmeln, das wir beim besten Willen nicht verstehen konnten, wir mussten um Untertitel bitten.



Wir waren nicht die einzigen Gäste auf der Hütte, die neben der Bewirtung von Tagesgästen auch für Übernachtungen genutzt werden kann. Um sich von den Strapazen der Bergwanderung zu erholen, bot sich neben der kalorienreichen Zufuhr von Speisen und Getränken auch die Möglichkeit, eine Sauna zu nutzen.

Nach der Stärkung stieg Jochen bis zur alten Staumauer aus dem Jahr 1891 noch ein Stück höher den Berg hinauf. Das Tal hatte immer wieder mit Überschwemmungskatastrophen zu kämpfen – verursacht durch Schmelzwasser im Frühjahr. Daher entschloss man sich, einen Staudamm unterhalb der Gletscher zu bauen, um zukünftige Unglücke zu verhindern und den Abfluss das Wassers zu regulieren. Nachdem sich der Gletscher mittlerweile zurückgezogen und man weiter im Tal einen größeren Stausee gebaut hat, ist die Gefahr von Überschwemmungen mittlerweile gebannt und der alte Staudamm hat keinerlei Funktion mehr.

Eigentlich unglaublich, welchen technischen Fortschritt die Menschheit in den letzten 100 Jahren gemacht hat. Ende des 19. Jahrhunderts war man froh, Überschwemmungen zu verhindern, heute ist man glücklich darüber, auf 2.300m Höhe ein Telefonnetz zu haben – für Jochen ein tolles Fotomotiv.

Noch ein letzter Blick auf das Martelltal von oben, dann konnte der gemeinsame Abstieg mit Alex ab der Zufallshütte über einen breiteren und einfacheren Weg auf der anderen Seite der Plima-Schlucht beginnen.

Auf der Fahrt ins Tal machten wir noch kurz Stopp an einer Weide mit interessant geschorenen, friedlich vor sich hin grasenden Alpakas. Wobei nicht alle Tiere grasten, eines war besonders aufmerksam, schaute ganz angespannt in eine Richtung und spitzte die Ohren. Den Grund seines Verhaltens konnten wir nicht in Erfahrung bringen – aber wer kann auch schon die Gedanken eines Alpakas erraten?


Wir werden es nie erfahren…
Für das Abendessen fuhren wir nach Laas – berühmt für seinen reinen weißen Marmor. Im Gasthof zur Sonne fanden wir einen freien Tisch und ließen uns eine sehr ordentliche Portion Spaghetti Bolognese und eine Jausenplatte mit Südtiroler Spezialitäten von Käse, Schinken und Wurst schmecken.

