Goldrain (Südtirol) 18.09. – Mit dem Nachtwächter durch Schluderns

Es gibt Dinge, die machen auch im Urlaub nicht Halt – so sprießen zum Beispiel die Haare weiter vor sich hin und wenn sie wieder mal zu lang sind, wird es höchste Zeit für einen Friseurbesuch. Also machte sich Jochen heute Morgen nach Schlanders auf, der “Salon Renate” sollte sich dieser nicht allzu großen Herausforderung stellen. Renate verwies jedoch auf den “Salon Walter” nebenan – in Schlanders sind die Rollen noch klar verteilt: die Frau geht zu Renate, der Mann zu Walter.

Hier geht es noch streng getrennt nach Geschlechtern zu

15 Minuten später und um 15 Euro erleichtert konnte sich Jochen wieder auf den Nachhauseweg machen – nicht ohne zuvor einen Espresso beim Hasenwirt genossen und einen Blick in die Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt geworfen zu haben. Ursprünglich gotisch wurde die Kirche im 18. Jahrhundert barockisiert.

Was will man auch sonst von einer Barockkirche erwarten?

Zurück in der Ferienwohnung gesellte sich Jochen zu Alex auf den Balkon und las. Am frühen Nachmittag fuhren wir ein kurzes Stück flussabwärts an der Etsch entlang nach Latsch, um uns die Spitalkirche zum Heiligen Geist mit einem der schönsten gotischen Altäre Südtirols anzuschauen – verantwortlich für die Schnitzereien ist der Allgäuer Bildhauer Jörg Lederer. Der spätgotische Altar stammt aus dem Jahr 1524 und wurde von den Herren von Annenberg, deren Schloss über der Stadt thront, gestiftet.

Das Auge weiß gar nicht, wo es zuerst hinschauen soll
Der prachtvolle Lederer Altar – passt genau in den Chor der Kirche
Gottvater mit Johannes dem Täufer (links) und dem Heiligen Wolfgang (rechts)
Sehr origineller und kunstvoller Lendenschurz
Die Stifterfamilie der Annenberger – hier die männliche Seite …
… und hier der weibliche Teil der Stifterfamilie – nicht wundern: da die erste Frau des Familienoberhaupts verstarb, sind hier zwei Ehefrauen dargestellt

In der Kirche St. Prokulus in Naturns standen deutlich ältere Fresken – vermutlich aus dem 7. Jahrhundert – auf unserem Programm. Die Kirche wird heute nicht mehr genutzt, zur Besichtigung war ein kleiner Obolus in Höhe von 2,50 EUR zu entrichten.

Wie der Rosen-Experte sofort erkennt, blüht vor der Kirche die St. Prokulus-Rose

Die Dame an der Kasse erklärte uns viele Details zur Entstehungsgeschichte der Kirche, den Besonderheiten bei den Malereien und den Veränderungen, die im Laufe der Jahrhunderte vorgenommen wurden. Die vorromanischen Fresken sind so gut erhalten, da man im 14. Jahrhundert den Kirchenraum erhöhte und mit gotischen Fresken verzierte – über den Unterraum legte man einfach einen Putz und verzierte diesen mit neuen Fresken.

Ein kleines Kirchlein mit reichem Freskenschatz

Bei einer Restaurierung entfernte man 1986 die gotischen Fresken des Unterraums – die nun seit 2006 im nahe gelegenen Museum zu besichtigen sind – und zum Vorschein kamen diese deutlich älteren, vorromanischen Fresken. Das bekannteste Bild zeigt wahrscheinlich den Heiligen Prokulus, der allerdings nicht – wie man anhand des Fotos vermuten könnte – auf einer Schaukel sitzt, sondern sich nach neuesten Erkenntnissen bei seiner Flucht aus Verona an einer Mauer abseilt.

Der Heilige Prokulus auf der Flucht

Andere Szenen und Motive sind deutlich schwieriger zu deuten, gibt es heute doch keine vergleichbaren Darstellungen mehr an anderer Stelle. Der Betrachter kann sich seine Geschichte selbst ausdenken.

So sehen glückliche Kühe aus
Um die gotischen Fresken haltbar zu machen, wurden die Wände inklusive der alten Fresken mit grobem Werkzeug behauen
Ein schielender Engel mit etwas zu großen Flügeln und zu langem Körper

Auf der anderen Straßenseite gleich gegenüber der Kirche befindet sich das Prokulus Museum, in dem die Geschichte der Region erzählt und die gotischen Fresken ausgestellt werden, die in St. Prokulus 1986 abgetragen wurden. Der Ansturm auf das Museum hielt sich in Grenzen – bei dem schönen Wetter waren wir die Einzigen, die sich die Ausstellung anschauten.

So sahen die gotischen Fresken aus, die über den vorromanischen Fresken angebracht waren
Malwettbewerb von Kindern, die die Kirche besucht hatten

Danach stellten wir uns in den täglich herrschenden Stau auf der Staatsstraße 38 Richtung Meran und fuhren bis zum Parkplatz der Brauerei Forst, der größten Brauerei Südtirols. Vor über 40 Jahren, als Alex hier mit ihren Eltern in Urlaub war, entstand ein Foto, das sie und ihre Mutter vor der Burg Vorst zeigt und das wir nachstellen wollten. Wir mussten nicht lange suchen, um den genauen Aufnahmeort zu finden: Die Bäume vor der Burg sind seitdem allerdings deutlich gewachsen – Alex natürlich auch.

Auf der Rückfahrt reihten wir uns in den gleichen Stau in umgekehrter Richtung ein und fuhren bis Schlanders, wo Jochen am Morgen bei seinem Friseurbesuch ein asiatisches Restaurant namens “La Giunca” gesehen hatte – eine willkommene und (wie wir anschließend sehen sollten) unfassbar preisgünstige Alternative zum Essen der letzten Tage: 13 EUR inkl. Trinkgeld für zweimal Gebratenen Reis sowie zwei Getränken ist nicht mehr zu unterbieten. Wie will man sonst Einheimische von ihrer geliebten Südtiroler Küche weglotsen?

Gebratener Reis mit Garnelen (3,50 EUR) für Alex
Gebratener Reis mit Hühnchen (3,50 EUR) für Jochen

Damit war noch Geld für ein Eis in der Eisdiele Ortler übrig – na gut, das Eis hätten wir uns auch bei einem teureren Abendessen gegönnt. Es gab neben den klassischen auch ausgefallene Sorten wie “Palabirne”(nur in Südtirol beheimatet) oder “Ortler” (mit Mascarpone und Honig) – sehr sehr gut.

Um halb neun startete eine Nachtwächterführung vorm Museum von Schluderns – eine Stadt im Vinschger Oberland, über der die Churburg, die sich seit Anfang des 16. Jahrhunderts im Besitz der Grafen Trapp von Matsch befindet, wacht. Da wir ein bisschen zu früh dran waren, setzten uns ins Café Prisca und schauten uns die neuesten Klatsch- und Tratsch-Nachrichten aus der Welt der mehr oder weniger Prominenten in den dort ausliegenden, einschlägigen Zeitschriften an. Es ist unglaublich, was wir jede Woche verpassen, wenn wir keine “Neue Post” oder “Bild der Frau” lesen.

Pünktlich um 20:30 Uhr ging es los: Gabi Obwegeser, eine Mitarbeiterin des Vintschger Museums, die die Führung zusammen mit Nachtwächter Georg leitete, zeigte sich hoch erfreut über die vielen Besucher, die sich für die Geschichte der Stadt interessierten. So erfuhren wir unter anderem von der frühen Besiedlung der Gegend während der Bronze- und Eisenzeit, die sich noch heute in der rekonstruierten Siedlung Ganglegg nachvollziehen lässt.

Eine große Gruppe von Interessierten vor dem Rathaus der Stadt

Die Stadt hatte oft mit Überschwemmungen aus dem Matscher Tal zu kämpfen. Der Saldurbach, der das Tal entwässert, trat regelmäßig über die Ufer und überschwemmte die Stadt. Die Hinterlassenschaften in Form von Geröll und Steinen führten zu einer Erhöhung des Straßenniveaus. Die Häusereingänge blieben aber weiterhin an Ort und Stelle, und so zeugen heute die tief liegenden Keller der alten Wohnhäuser von den unzähligen Überschwemmungen in der Stadt.

Mittlerweile betritt man die Häuser über die Etage, die vorher der erste Stock war

Der Vinschgau war vor dem einsetzenden Tourismus und dem Boom der Landwirtschaft eine sehr ärmliche Region, was vom Beginn der Neuzeit bis ins frühe 20. Jahrhundert zum Schwabengehen führte: Die Bauernfamilien schickten im Frühjahr ihre Kinder bereits im Alter von 6 Jahren zur Arbeit in acht Tagesmärschen bis nach Schwaben, wo sie den Sommer über arbeiteten, verpflegt wurden und im November einige Gulden mit nach Hause bringen konnten.

Zudem bleibt zu erwähnen, dass in Schluderns 1874 zum ersten Mal ein Haflinger Hengst aus einem Gebirgspferd und einem Araber hervorgegangen ist – allerdings unter dem nicht gerade klingenden Namen “249 Folie”. Später reklamierte die Stadt Hafling den Namen der Rasse für sich, ansonsten würde man diese Pferde heute als “Schludernser” bezeichnen und die Stadt wäre weltbekannt.

Der erste Haflinger, dem man hier ein Denkmal gesetzt hat

An der Kirche der Stadt endete die Führung gegen 22 Uhr und wir machten uns bei zwischenzeitlich deutlich kühleren Temperaturen auf den Nachhauseweg.

Hufeisennasen-Fledermäuse, die ihren Unterschlupf in der Kirchenmauer haben, kreisten lautlos über unseren Köpfen, während wir Gabis Erzählungen lauschten

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