Fährt man innerhalb Istriens von West nach Ost (oder umgekehrt) bzw. von Nord nach Süd (oder umgekehrt) kommt man unweigerlich an Pazin vorbei – die Stadt, die ziemlich genau in der Mitte der Halbinsel liegt, und an der die Hauptverkehrsstraßen zusammenlaufen. So war es nicht verwunderlich, dass wir den Ort heute mehrfach passierten. Die Stadt selbst interessierte uns weniger, viel mehr der Blick unterhalb des Hotels Lovac hinab in die Paziner Schlucht, auf dessen Klippe das Kastell der Stadt 90m über dem Abgrund steht.

Wem der Nervenkitzel nicht ausreicht, vom Rand der Schlucht hinabzuschauen, der kann via Zipline zunächst über die Schlucht hinüber zum Kastell und danach über eine zweite Zipline zurück zum etwas unterhalb des ursprünglichen Startpunkts liegenden Ziels schweben. Wir beobachteten Touristen, die sich das Spektakel nicht entgehen ließen, einer davon drehte sich gar während der Überfahrt und überfuhr die Schlucht mit dem Kopf nach unten. So viel Wagemut war nichts für uns, wir setzten unseren Ausflug fort und fuhren zu einem Parkplatz etwas außerhalb der Stadt. Eigentlich wollten wir dort das Auto abstellen und ein kurzes Stück zu Fuß zum nahegelegenen Wasserfall Zarečki Krov spazieren, aber 5 EUR Parkgebühr für einen wenig spektakulären Wasserfall war uns dann doch etwas zu frech.
Wir investierten das Geld aus unserer Sicht deutlich besser im nächsten Ort Beram. Eine schmale Straße windet sich hinauf in den Ort und von dort ging es noch ein Stück weiter in den Wald zur Wallfahrtskirche Maria im Fels.
Im Reiseführer war bereits angekündigt, dass die kleine Kirche mit ihren sehr gut erhaltenen Fresken von Vincent aus Kastav aus dem Jahr 1474 nur unregelmäßig geöffnet ist. Den Schlüssel könne man sich aber bei Sonja Šestan in Beram ausleihen, deren Telefonnummer praktischerweise bei der Kirche angegeben war. Wir riefen kurz vor Mittag bei ihr an und verabredeten (sogar auf deutsch), sie zu Hause abzuholen – sie müsse allerdings erst noch um zwölf die Glocken des Beramer Kirchturms per Hand läuten, erzählte sie. Gesagt, getan – nachdem das Glockenläuten verklungen war, kam Frau Šestan aus dem Kirchturm und wir fuhren gemeinsam zur kleinen Kirche.
An der Westwand ist der nach einer Pestepidemie entstandene Totentanz dargestellt, bei dem alle Menschen, gleich welchen Rangs oder Vermögens, in einer Prozession auf das offene Grab zu schreiten – im Tod sind sie alle gleich.
Die meisten der anderen Fresken an Süd- und Nordwand stellen Szenen aus dem Leben von Maria und Jesus dar, aber auch Darstellungen von Heiligen wie zum Beispiel dem Heiligen Martin sind zu sehen. Wie in einem großen Bilderbuch schmücken diese Werke seit über 550 Jahren die Kirchenwände.
Nach einer ausgiebigen Besichtigung mit Erklärungen unserer fachkundigen Begleitung waren wir gerne bereit, für den Unterhalt der Kirche eine kleine Spende loszuwerden. Wir lieferten Sonja, die uns auf dem Rückweg erzählte, dass sie lange Zeit in einer Kleiderfabrik arbeitete, bis diese schloss, und sie heute von 345 € Rente leben muss, wieder zu Hause ab und setzten unseren Weg in Richtung Hum fort.
Der Ort wird als die “kleinste Stadt der Welt” angepriesen und war gemäß letzter Zählung von 23 Einwohnern bewohnt. Wir rechneten mit einem verlassenen, einsamen kleinen Dorf und waren überrascht, auf dem großen Parkplatz unterhalb des Friedhofs viele Autos vorzufinden. Für 3 EUR gab es zum Glück noch einen Platz für unseren Mietwagen.
Durch das Stadttor betraten wir den Kern von Hum, spazierten über einen unebenen Fußweg eine Gasse hinab, die zweite wieder hinauf und hatten das Dorf in zwei Minuten durchschritten. Das Interesse an dem Ort, das sich auf dem Parkplatz zeigte, hat wohl mittlerweile dazu geführt, dass sich Souvenirläden angesiedelt haben und in den alten, leerstehenden Häusern Ferienunterkünfte entstanden sind. Der Ort wurde durch den Tourismus aus seinem Dornröschenschlaf wachgeküsst.

Im einzigen Gasthaus Humska Konoba, wo gerade eine amerikanische Reisegruppe Einzug hielt, besorgten wir uns den Schlüssel der Friedhofskirche des Heiligen Hieronymus, in der jedoch nur noch Fragmente der im 12. Jahrhundert unter Einfluss der byzantinischen Malerei entstandenen Fresken erhalten waren.

Nachdem wir uns mit Getränken und Eis erfrischt hatten, fuhren Richtung Westen nach Motovun, die Trüffel-Hauptstadt Buzet ließen wir links liegen – wenn sogar der Reiseführer schreibt, der Gesamteindruck der Altstadt sei erschütternd, klingt das nicht danach, uns selbst ein Bild davon machen zu müssen. Und Trüffel gibt es natürlich auch im nahegelegenen Motovun, wie wir uns später überzeugen konnten.
Fährt man mit dem Auto durch das Tal der Mirna sieht man das Städtchen bereits von Weitem auf einer Bergspitze thronen. Für den Besuch stellten wir das Auto am Fuße des Berges ab und zahlten für drei Stunden 4,50 EUR. Um uns den steilen Fußweg nach oben zu ersparen, besorgten wir zwei Tickets für die Hin- und Rückfahrt mit dem halbstündig verkehrenden Shuttlebus (je 7 EUR) und waren damit schon knapp 20 EUR los, ohne einen Fuß in die Stadt gesetzt zu haben.
Der Bus ließ uns ein Stück unterhalb der Altstadt raus, den letzten Teil des Weges ging es zu Fuß immer weiter den Berg hinauf über gepflasterte Straßen und an Souvenirgeschäften und Restaurants vorbei bis zum äußeren Stadttor.
Dahinter hatten Restaurants ihre Tische entlang der alten Stadtmauer mit schönem Fernblick ins Tal aufgestellt, wir gingen jedoch erst mal durch das zweite Stadttor zum zentralen Platz Andrea Antico, benannt nach einem venezianischen Komponisten der Renaissance, hinauf. Diese Bergspitze teilen sich die Kirche St. Stephan mit Glockenturm, der Kommunalpalast mit Tourist-Info und mittelalterlicher Druckerei Antico sowie der aus dem 18. Jahrhundert stammende Polesini Palast, der mittlerweile als Hotel Kastel mit Restaurant Besucher empfängt.

Nach einem kurzen Blick in die Kirche wollten wir einmal rund um die erhaltene Stadtmauer zu laufen. Eine Schranke versperrte uns jedoch den Weg und erst nachdem wir Tickets (für je 5 EUR) erstanden hatten, konnten wir unseren Weg fortsetzen. Ein klein wenig nervig ist es schon, wenn man für jede Aktivität in Motovun bezahlen muss, aber es wollen halt alle am Tourismus verdienen.
Nach dem Besuch der Druckerei Antico, in der es tolle Illustrationen istrischer Sagen und Erzählungen wie den Riesen Veli Jože von Vladimir Nazor zu kaufen gab, war es mittlerweile spät genug, ans Abendessen zu denken.
In der Konoba Fakin, die uns bereits beim Weg hinauf aufgefallen war, setzten wir uns an einen der Tische mit Weitblick und genossen das wirklich gute Essen, bei dem natürlich auch Trüffel verarbeitet wurden, die hier in den Wäldern Istriens hervorragende Wachstumsbedingungen haben.



Zurück mit dem Shuttlebus im Tal angekommen, nahmen wir den Nachhauseweg in Angriff, mit einem letzten Blick auf Motovun und – der aufmerksame Leser kann es sich schon denken – zum letzten Mal an diesem Tag passierten wir Pazin.


















