Bevor wir uns in die Metropole Cardiff stürzten, fuhren wir ein Stück hinaus aus der Stadt zu Castell Coch, einem Märchenschloss, dessen Ursprünge bis ins 13. Jahrhundert zurückreichen. Entscheidend für das heutige Aussehen ist jedoch das 19. Jahrhundert, als die Burg John Crichton-Stuart, dem 3. Marquess of Bute gehörte, damals reichster Mann der Welt. Im Jahr 1865 lernte der Marquess den Architekten und Designer William Burges kennen und beauftragte ihn mit Umbauarbeiten an Cardiff Castle. Drei Jahre später wandte sich die Aufmerksamkeit Castel Coch zu und die beiden entschlossen, eine mittelalterliche Fantasieburg zu erschaffen, die die großen Türme und die Halle aus dem 13. Jahrhundert integrieren und trotzdem über den neuesten Komfort inklusive Zentralheizung verfügen sollte.


Start unseres Rundgangs war im Speisesaal, der einzige Raum, der bereits vollendet war, als der Architekt Burges unerwartet im Jahr 1881 verstarb. Der weitere Ausbau in einem teils überaus prächtigen neugotischen Stil zog sich, nachdem mit William Frame und J. S. Chapple Nachfolger für William Burges gefunden waren, noch bis 1891 hin.

Überwältigt waren wir, als wir den Drawing Room betraten. Unter der gewölbten Decke des prunkvollen Zeichensaals konnten wir viele kleine versteckte Entdeckungen in den Wandgemälden machen:






Auf dem weiteren Weg erreichten wir hoch oben in einem Turm der Burg das Schlafzimmer von Lady Bute, der Ehefrau des ehemaligen Besitzers, das auch heute noch einer Prinzessin würdig ist. Über dem zentral im Raum stehenden Bett spannt sich eine goldene Kuppel mit Motiven aus Tier- und Pflanzenwelt.
Nach unserem Rundgang kehrten wir zum Auto zurück und legten auf der Fahrt zurück ins Zentrum von Cardiff einen kurzen Stopp bei der Kathedrale von Llandaff ein. Die Kathedrale steht an einem der ältesten christlichen Orte in Großbritannien, wo angeblich bereits im Jahr 560 der Heilige Dyfrig eine christliche Gemeinde gegründet haben soll. Im Inneren fällt sofort die von Jacob Epstein aus Aluminium gefertigte Skulptur “Christ in Majesty” ins Auge.
In Cardiff angekommen war der erste Stopp das National Museum Cardiff, wo laut Reiseführer eine beeindruckende Sammlung von Gemälden aus dem Impressionismus und der Moderne zu sehen sein sollte. Leider war jedoch ein Teil des Museums geschlossen, so dass der Besuch kürzer war als eigentlich geplant. Da der Eintritt kostenlos war, hielt sich unsere Enttäuschung in Grenzen.






Anschließend ging es erneut auf eine Reise in die Vergangenheit: Cardiff Castle, dessen Geschichte 2000 Jahre bis zu den Römern zurückreicht, ist ein Mix aus sehr unterschiedlichen Epochen. Nach den Römern wurde es im 11. Jahrhundert zu einer normannischen Festung ausgebaut, von der heute lediglich der Hauptturm im Innenhof erhalten ist. 1873 begann John Crichton-Stuart, 3. Marquess of Bute, dem wir heute Morgen bereits beim Castle Coch begegnet waren, damit, die Wohngebäude an der Westseite zu einem neugotischen Märchenschloss umzubauen.

Unser Rundgang durch die Western Apartments mit Audioguide startete im Arab Room, bei dem vor allem die mit Blattgold überzogene Decke den Besucher in ihren Bann zieht.
Der nächste Saal, den wir betraten, war schon der größte Raum des Schlosses: Der Bankettsaal befindet sich im ältesten Teil des Gebäudes und stammt aus dem 15. Jahrhundert. Die Ausstattung ist jedoch deutlich jünger und lediglich einer mittelalterlichen Adelshalle nachempfunden.

Der Raum kann heute für Festlichkeiten und Hochzeiten gemietet werden – Kosten pro Stunde 600 Pfund, Mindestmietdauer sind vier Stunden

Wollte sich der Hausherr zum Lesen zurückziehen, konnte er dies in einer überaus würdevollen Umgebung tun: Frieren musste der Markgraf von Bute dabei nicht, da die an die Zentralheizung des Schlosses angeschlossenen Heizkörper der Bibliothek auf die gewünschte Wohlfühltemperatur erwärmt werden konnten, eine für die damalige Zeit sehr moderne Innovation.

Nachdem wir gestern beim Abendessen bereits die zeitgenössische Shopping Mall von Cardiff erkundet hatten, schauten wir uns jetzt an, was die Menschen Ende des 19. Jahrhunderts unter “modernem Einkaufen” verstanden. Zu der Zeit entstanden an mehreren Stellen in der Stadt überdachte Arkadengänge, die die Menschen einluden unabhängig vom Wetter ihr Geld auszugeben.
Wir schlenderten durch die Castle Arcade, die Royal Arcade und schauten zwischendrin in der Markthalle der Stadt vorbei, wo sich Alex in gewohnter Manier daran machte, im Schallplattenladen die David Bowie LPs in die richtige Reihenfolge zu bringen.

Der Hafen vor Cardiff war einst einer der meistfrequentierten Häfen der Welt. Zusammen mit dem rückläufigen Kohleabbau in Wales verlor auch der Hafen immer mehr an Bedeutung. Nachdem das Areal modernisiert wurde und nun ein Damm dafür sorgt, dass bei Niedrigwasser auch weiterhin Wasser im Hafenbecken steht, siedelten sich rund um das Hafenbecken Restaurants, Bars und Cafés an. Für das walisische Parlament wurde vom Architekten Richard Rogers ein modernes Gebäude direkt an der Wasserfront gebaut.
Als erstes fällt jedoch das Wales Millennium Centre ins Auge: ein Kulturzentrum, Theater, Konzert- und Opernhaus, das mit seiner markanten Fassade die Blicke auf sich zieht. Die monumentale Inschrift der walisischen Dichterin Gwyneth Lewis an der Fassade in Walisisch und Englisch besagt: „IN THESE STONES HORIZONS SING“. Der Titel ist gleichzeitig ein Chor- und Orchesterwerk des walisischen Komponisten Karl Jenkins, das eigens für die Eröffnung des Millennium Centres komponiert und am 29. November 2004 in Anwesenheit von Königin Elisabeth II. uraufgeführt wurde.
Am Hafenbecken steht zudem ein Riesenrad, auf dem man den Blick über Cardiff und den Hafen schweifen lassen kann – natürlich konnte Alex der Versuchung nicht widerstehen, eine Runde damit zu drehen.

Damit geht unser Aufenthalt in der Hauptstadt Wales’ auch schon zu Ende, morgen setzen wir unsere Fahrt durch Wales im Uhrzeigersinn an der Südküste entlang fort.

















