Betws-y-Coed 07.06. – Der Prachtbau des Schieferbarons und noch mehr Seevögel

Die Gastgeber unseres B&B’s hatten im Vorgarten einen Futterspender aufgehängt – nicht etwa, um Vögel anzulocken, nein, man buhlte um die Gunst von Eichhörnchen. Man kann geteilter Meinung sein, ob es sinnvoll ist, Eichhörnchen anzufüttern, damit sie den Gästen einen schönen Start in den Tag bescheren, aber auch wir waren fasziniert von den kleinen Nagern. Wie auch sonst in der Tierwelt (oder beim Mensch) gab es eine klare Hierarchie, wem der beste Platz beim Frühstück gehört. In unserem Frühstücksraum war dies zum Glück nicht notwendig, es waren genug Plätze für alle Gäste vorhanden.

Hatten wir am gestrigen Tag gesehen, wie mühevoll das Leben als Arbeiter einer Schiefermine war, so konnten wir heute das volle Kontrastprogramm erleben. Im Gegensatz zu den Arbeitern lebten die Besitzer der Minen in unglaublichem Prunk, der Beweis lieferte ein Besuch von Penrhyn Castle. Das Schloss wurde im neonormannischen Stil zwischen 1820 und 1837 auf den Mauern eines Vorgängerschlosses errichtet. Bauherr war George Hay Dawkins-Pennant, der es mit Zuckerrohrplantagen in Jamaika (die von versklavten Afrikanern bewirtschaftet wurden) und lokalen Schiefersteinbrüchen zu Reichtum brachte. Während das mächtige Bauwerk von außen einer mittelalterlichen Burg gleicht, offenbart sich sein Prunk im Innern mit wunderschön kunstvoll dekorierten Räumen.

Die massive Bauweise im Äußeren lässt die filigrane Schönheit im Innern nicht erahnen

Die ursprünglich ertragreichen Einnahmequellen der Zuckerrohrplantagen und Schiefermienen warfen im Lauf der Zeit immer weniger Gewinn ab. 1951 wurde das Schlossgebäude samt 16.000 Hektar Land als Ersatz für eine Steuerzahlung an den Staat gegeben, der es anschließend dem National Trust übertrug. Die ehemalige Besitzerfamilie Douglas-Pennant behielt jedoch die zum Anwesen gehörende Parklandschaft sowie die wertvolle Gemäldesammlung und wohnt nun weniger geräumig, dafür aber sicherlich schuldenfrei im ehemaligen Gärtnerhaus.

Besucher betreten das Schloss durch eine wuchtige Eingangstür und erreichen anschließend die Grand Hall, deren Höhe die drei Geschosse vollständig einnimmt und die Verbindung zu den übrigen Teilen des Gebäudes darstellt.

Einladend sieht anders aus
Für mehr als vier Personen ist in der Great Hall auch wirklich kein Platz
Die Gestaltung der Decke in der Great Hall zeugt nicht gerade von vornehmer Zurückhaltung

Von hier gelangt man in den Salon und gleich nebenan in die Bibliothek, wo sich die Besitzer am wärmenden Kaminfeuer oder bei einer Runde Billard entspannen konnten. Und natürlich bot der Raum entsprechend seiner Bezeichnung auch die Möglichkeit, in einem der Bücher zu schmökern.

Der Salon wurde im Zweiten Weltkrieg vom Automobilhersteller Daimler als Büro genutzt.
Blick in die Bibliothek von Penrhyn Castle

An der Decke der Bibliothek wie auch an anderen Stellen im Schloss wurde viel Stuck verarbeitet, so dass es immer wieder neue Figuren, Ornamente und Fabelwesen zu entdecken galt.

In einem der Schlafzimmer lässt sich bestaunen, was man mit Schiefer alles machen kann. Hier steht ein ein Tonnen schweres Schieferbett sowie ein für einen König angemessenes Messingbett mit Kaiserkrone, das für den Besuch des Prinzen von Wales im Jahr 1894 in Auftrag gegeben wurde.

Beim Umzug sollte man tunlichst vermeiden, sich für den Transport des Bettes freiwillig zu melden

Die im Schloss installierten Toiletten mit Vollspülung, die das gesammelte Regenwasser nutzten, zeugen von der Fortschrittlichkeit der Bauherrn. Ein Highlight des Schlosses stellt sicherlich das monumentale Treppenhaus dar, an dem insgesamt zehn Jahre gebaut wurde. Auch hier finden sich Zeugnisse der handwerklichen Fähigkeiten der Steinmetze. Für die Beleuchtung sorgt ein achteckiges Oberlicht. Es war nicht ganz einfach, die ganze Pracht auf einem Foto festzuhalten.

Die Decke einer Kathedrale könnte nicht schöner und prunkvoller sein

Am Ende des Rundgangs warfen wir noch einen Blick in den Speisesaal des Hauses, der eine kleine Anekdote für uns bereithielt: Auf dem großformatigen Gemälde am oberen Ende des Tisches ist die Familie mit ihrer großen Kinderschar dargestellt. Ein Kind kam jedoch erst nach Fertigstellung des Gemäldes zur Welt und wurde im Nachhinein mit seinem Portrait in das Armband der Herrin des Hauses hinein gemalt.

Speisesaal für eine Großfamilie
Die zehn Kinder der Familie sind auf dem Gemälde verewigt – neun davon in die Szenerie drapiert und eines als Miniaturgemälde auf dem Armreif der Frau

Wie das Schloss selbst sind auch die Gärten von Penrhyn Castle weitläufig und sehenswert und bieten eine vielfältige Pflanzenwelt.

Wunderschöner Laubengang mit von der Decke hängenden Fuchsien
Im Moorgarten beeindrucken die Gunnera-Pflanzen, Verwandte des Rhabarbers mit ihren riesigen Blättern

Ganz in der Nähe weideten die tierischen “Rasenmäher” des Anwesens. Bei der Schur hatte man die Schafe entweder vergessen oder man vertraute darauf, dass sie sich die Winterwolle an den tiefhängenden Ästen der Bäume selbst abscheuern.

Bei der Hitze ist ein Wollpullover eher unpraktisch. Da kann man schon mal die vorderen Knöpfe aufstehen lassen
Und wenn es mal am Rücken juckt, ist der tiefhängende Ast eines Baumes der beste Freund

Mit wunderschönen Eindrücken im Gepäck fuhren wir rund eine halbe Stunde nach Westen, einmal quer durch die vor der Westküste Wales liegende Insel Anglesey. Die Strecke war überraschenderweise zweispurig als Schnellstraße ausgebaut – wir hatten nicht bedacht, dass sich am Westzipfel von Wales der größte Hafen für den Transport von Waren und Gütern nach Irland befindet. Um zur felsigen Küste rund um den Leuchtturm von South Stack zu gelangen, bogen wir jedoch vorher ab.

Der Leuchtturm von South Stack weist Schiffen den Weg in den Hafen von Holyhead

Auf den Klippen des Naturschutzgebiets brüteten geschützt vor räuberischen Säugetieren Trottellummen, Tordalke, Dreizehenmöwen, Eissturmvögel und Papageitaucher, wobei wir letztere leider nicht zu sehen bekamen. Für eine kurze Dauer drehte der Wind und beförderte den Gestank der Brutkolonie Richtung Festland, die Vögel scheinen gegen den Geruch immun zu sein.

Spaziergang entlang der Klippen
Hochbetrieb in der Brutkolonie
Die Nistplätze sind an den weißen Kotspuren der Vögel zu erkennen, auf Nestbau wird der Einfachheit halber verzichtet
Auch der steilste und unzugänglichste Platz wird zum Nisten genutzt, wenn man nicht als Erster da ist, muss man nehmen, was noch frei ist
Auf den Blumen am Wegesrand gab es auch Dinge zu entdecken, hier ein Schmetterling aus der Familie der Widderchen

Auf dem Rückweg legten wir einen Stopp in Beaumaris ein, das vor allem für seine Burg bekannt ist. Wie auch Harlech Castle und Caernarfon Castle wurde Beaumaris Castle im 13. Jahrhundert von Eduard I. von England erbaut, um seine Macht in Wales zu festigen. Wir sparten uns die Besichtigung, spazierten zur Küste mit dem Pier, genossen in einer Bar eine Erfrischung und fuhren für das Abendessen zurück nach Betws-y-coed.

Beaumaris Castle: So baute man im 13. Jahrhundert Festungen
Pier von Beaumaris mit dem Blick von der Insel Anglesey hinüber zum walisischen Festland
Typische Landschaft im Norden von Wales

Betws-y-coed ist ein beliebter Ort für Touristen und hat daher neben Unterkünften auch eine Auswahl an Restaurants zu bieten. Nach indischer Küche gestern fiel unsere Wahl heute auf die Hang-in Pizzeria – wir wurden nicht enttäuscht. Da die Pizzeria keine “Pizza Hawaii” auf ihrer Karte anbieten wollte, gab es für die Gäste die Möglichkeit, ihre Ananas selbst mitzubringen und für 50 Cent die Pizza damit belegen zu lassen.

Morgen setzen wir unsere Reise fort und werden weitere Orte im Norden von Wales anschauen, der nächste Übernachtungsort liegt dann aber schon in England.

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