London (22.05.) – London Calling

Unser diesjähriges Ziel für einen zweiwöchigen Urlaub Ende Mai steht sicher nicht bei jedem ganz oben auf der Wunschliste – auch nicht unbedingt bei denjenigen, die generell nach Großbritannien reisen. Doch Mittel- und Nordengland hat weit mehr zu bieten, als man zunächst vermuten würde: Cambridge als ehrwürdige Universitätsstadt, idyllische Landschaften wie die North Yorkshire Moors und der Peak District, historische Städte wie York und Lincoln mit ihren beeindruckenden Kathedralen sowie die beiden lebendigen Industriemetropolen Manchester und Liverpool. Den Auftakt unserer Tour bildete jedoch die Hauptstadt London, wo wir die ersten drei Tage verbringen würden.

Der Abflug um 8:00 Uhr bedeutete, dass uns der Wecker bereits um 4:45 Uhr gnadenlos aus den Federn trieb. Noch etwas verschlafen, aber voller Vorfreude machten wir uns auf den Weg zum Flughafen. Kofferabgabe und Sicherheitskontrolle verliefen erfreulich reibungslos, sodass wir bereits über eine Stunde vor Abflug am Gate ankamen – Zeit für einen dringend benötigten Kaffee.

Da steht die Maschine und wartet auf uns

Die Wartezeit zog sich dann allerdings länger als geplant hin, da sich der Abflug um eine halbe Stunde verzögerte. Ursprünglich sollten die U-Bahnen in London an diesem Tag bis 12 Uhr streiken – was zum Glück ausblieb. Nichtsdestotrotz gab es erhebliche Verzögerungen auf der 2022 neu eröffneten Elizabeth Line, die uns vom Flughafen in die Innenstadt befördern sollte: Am Bahnsteig in Heathrow drängten sich die Menschenmassen und warteten geduldig auf ihre Weiterfahrt.

In Whitechapel angekommen, stand unser Zimmer im Aparthotel leider noch nicht zum Einchecken bereit. So entschieden wir uns kurzerhand für ein frühes Mittagessen in einem indischen Restaurant in der Nähe – die perfekte Gelegenheit, uns kulinarisch auf London einzustimmen und neue Energie zu tanken. Gestärkt und das Gepäck endlich verstaut, konnte die Erkundung der Stadt beginnen. Das Viertel fühlt sich dabei weniger nach London an als nach dem asiatischen Ausland. Wo Ende des 19. Jahrhunderts noch die jüdische Bevölkerung in der Mehrzahl war, entwickelte es sich nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem bedeutenden Zentrum der britisch-bangladeschischen Gemeinde.

Nach dem Einchecken ging es direkt ins Herz der Stadt – und der britischen Demokratie. Für 16 Uhr hatten wir Tickets für einen Audioguide-Rundgang durch die Houses of Parliament gebucht – eines der Highlights für Jochen. Vorher schlenderten wir rund um das imposante Gebäude, bestaunten die beiden markanten Türme – den Elizabeth Tower – besser bekannt alsBig Ben – und den Victoria Tower – und ließen unseren Blick von der Themse aus zum majestätischen London Eye schweifen.

Offiziell Elizabeth Tower, aber alle nennen ihn nur “Big Ben” nach der größten der fünf Glocken des Uhrturms
Westportal von Westminster Abbey – der Ort, an dem seit 1066 fast alle britischen Könige und Königinnen gekrönt wurden und zahlreiche Monarchen sowie Berühmtheiten wie Isaac Newton und Charles Dickens ihre letzte Ruhe gefunden haben
Am Portal zieren Märtyrer des 20. Jahrhunderts die Fassade, wie z.B. Martin Luther King, Dietrich Bonnhoeffer oder Maximilian Kolbe
Palace of Westminster mit dem Victoria Tower und Doppeldeckerbus – fast ein Postkartenmotiv
Blick hinüber auf die andere Themse-Seite und das London Eye
Die Houses of Parliament mit Big Ben, von der Flussseite aus gesehen

Die Houses of Parliament sind ein wahrhaft geschichtsträchtiger Ort. Die Westminster Hall, einst die größte Halle des Mittelalters, war Schauplatz bedeutender historischer Ereignisse – darunter feierliche Reden von Queen Elizabeth II und Nelson Mandela. Hier wurde ebenfalls der Leichnam der Queen aufgebahrt, sodass sich die Bevölkerung in würdevollem Rahmen von ihr verabschieden konnte – ebenso wie davor unter anderem der Leichnam ihrer Mutter und Churchills.

Wer hat eigentlich diese wunderschönen roten Kräne und Zäune aufgestellt – für Fotoaufnahmen nicht gerade perfekt

Neben den vielen interessanten historischen Dingen  gibt es auch etwas Modernes zu sehen: “New Dawn”, eine seit 2016 permanente Lichtinstallation der Künstlerin Mary Branson, als Würdigung der Frauenrechtsbewegung vor 150 Jahren. Der Wasserstand der Themse sorgt für eine dynamische Beleuchtung: Die Lichtintensität nimmt zu, wenn der Wasserstand steigt.

Mary Branson – New Dawn: Es ist ganz klar zu sehen, dass die Themse aktuell kein Hochwasser führt

Die St. Stephen’s Hall war ursprünglich eine Kapelle, anschließend hier tagte fast 300 Jahre lang das House of Commons. Der Raum in seiner heutigen Pracht entstand nach dem verheerenden Brand im Jahr 1834.

Rund um die St. Stephen’s Hall stehen Marmorstatuen von Staatsmännern und Parlamentariern
Auch nach oben zu schauen lohnt sich in Kirchen immer wieder

Ab der Central Lobby war das Fotografieren leider verboten – wie schade! Dieser unfassbar reich dekorierte Raum mit der größten Kuppel, die je für ein nicht-kirchliches Gebäude errichtet wurde, hätte es mehr als verdient, festgehalten zu werden. Ebenso das in einer Ecke untergebrachte, voll eingerichtete Postamt – ein faszinierendes, fast surreales Detail inmitten des Parlamentsbetriebs. Die folgenden Bilder sind daher keine eigenen Fotografien, sondern Downloads aus dem Internet:

Das britische Parlament besteht bekanntlich aus zwei Kammern: Im Oberhaus thront der reich verzierte Königstuhl, ein Symbol der jahrhundertealten Monarchie inmitten der modernen Demokratie. Das Unterhaus, in dem die gewählten Abgeordneten tagen, entscheidet über Gesetzgebung und Staatshaushalt. Das Gebäude atmet so viel Geschichte, dass man sich unwillkürlich fragt, ob es auch für die Herausforderungen der Gegenwart gewappnet ist.

Nach den Houses of Parliament spazierten wir zum Trafalgar Square, wo Lord Nelson von seiner Säule auf eine eher ungewöhnliche Szenerie hinab blickte: Fans des FC Middlesbrough feierten lautstark – und dem Anschein nach bereits gut angetrunken – den Vorabend des morgigen Endspiels um den Aufstieg in die Premier League in Wembley. Nelson hätte wohl verständnislos den Kopf geschüttelt über diese moderne Form der Schlachtenvorbereitung.

Moderne Form der Mobilmachung vor einer Schlacht

Wir betraten die National Gallery – wie alle staatlichen Museen des Landes kostenlos zugänglich und entsprechend gut besucht. Im Bistro des Museums entspann sich eine herzliche Begegnung: Die Kassiererin knüpfte Kontakt zu Alex und bat sie, ihr eine Postkarte aus Deutschland zu schicken, wenn sie wieder zu Hause sei. Adressen wurden ausgetauscht, der Auftrag feierlich notiert – solche spontanen, menschlichen Momente machen Reisen erst wirklich besonders.

Wir beschränkten uns bei der Besichtigung auf einen kleinen Teil der Ausstellung. Die Räume 41 bis 46 beherbergen Werke vom Ende des 19. Jahrhunderts – Gemälde von Édouard Manet, Claude Monet sowie weiteren, vorwiegend französischen Impressionisten bis in die frühen Jahre des 20. Jahrhunderts.

Die meiste Aufmerksamkeit erhielt wenig überraschend ein Gemälde mit Sonnenblumen von Vincent van Gogh. Die leuchtenden Gelbtöne ziehen auch nach über einem Jahrhundert noch jeden Betrachter unweigerlich in ihren Bann.

Vincent van Gogh – Sunflowers (1888)

Von Vincent van Gogh gab es nicht nur Sonnenblumen zu sehen, ein paar weitere Gemälde des niederländischen Malers schmückten die Wände der National Gallery:


Bei einem Bild, bei dem wir auf den ersten Blick sofort von Van Gogh getippt hätten, entpuppte sich als Werk eines anderen niederländischen Malers:

Jan Toorop -High Tide (1891)

Zurück am Ufer der Themse überquerten wir die Jubilee Bridge zur anderen Flussseite. Den stimmungsvollen Abschluss dieses ereignisreichen ersten Tages bildete ein wohlverdienter Cocktail mit musikalischer Untermalung – die vielleicht nicht ganz unserem Musikgeschmack entsprach, aber der wunderschöne Blick auf das gegenüberliegende Themseufer machte das allemal wett – alles bei weiterhin frühsommerlich angenehmen Temperaturen.

Ein schöner Ort, um den Tag Revue passieren zu lassen …
… und dabei einen Cocktail zu genießen. Prost!
Harry hat gut lachen …

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