Heute Morgen hieß es bereits wieder Abschied zu nehmen von der englischen Ostküste und einmal quer über die Insel bis fast zur Westküste nach Manchester, unserem letzten Übernachtungsort, zu fahren. Wir kamen ganz gut durch, meisterten alle bis zu dreispurigen Kreisel und erreichten unseren Zwischenstopp Chatsworth House gegen 13:30 Uhr. Es war sicherlich das beeindruckendste der von uns besichtigten Herrenhäuser und auch das mit den höchsten Eintrittspreisen. 35 GBP werden pro Besucher für den Besuch von Haus und Garten verlangt, zuzüglich einer Parkgebühr von 10 GPB.
Das Haus ist der Stammsitz des Duke of Devonshire. Und wer sich wie wir wundert, warum der Herzog von Devonshire, einer Region im Südwesten Englands, seinen Sitz nicht dort hat, dem sei erklärt, dass der Titel zwar seit 1618 auf die Grafschaft Devonshire zurückgeht, die Ländereien und der Hauptsitz der Familie jedoch in den Derbyshire Dales liegen, der Region rund um Chatsworth House. Ein kleiner Ausflug in die Hierarchie der Adelstitel Großbritanniens: Duke ist der höchste Adelstitel, wobei man zwischen royalen Herzögen (Mitglieder des Königshauses, u.a. die Söhne und Brüder von König Charles III.) und nicht-royalen Herzögen (u.a. der oben erwähnte Duke of Devonshire) unterscheiden muss.
In den Gemäuern von Chatsworth House bewegen wir uns also ganz weit oben in der Hierarchie der Adligen.
In Anbetracht der für später vorhergesagten Schauer entschieden wir uns zunächst für einen Spaziergang durch die weitläufigen Gärten des Anwesens, beginnend mit dem Rose Garden.

Diese waren fleißig dabei, die Gartenanlage zu pflegen
Von dort führte ein schöner Spazierweg entlang der Wasserkaskade – die leider aktuell wegen Renovierungsarbeiten kein Wasser führte – zum Steingarten mit einem kleinen See, riesigen Mammutbäumen und üppiger Vegetation. Von dort war es nicht mehr weit bis zum Labyrinth. Wir starteten einen kurzen Versuch, befürchteten jedoch bis zu unserer Einlasszeit im Haus nicht bis in die Mitte des Labyrinths und wieder hinaus gefunden zu haben, sodass wir den Versuch erfolglos abbrachen.


an jeder Weggabelung immer die gleiche Richtung (rechts oder links) zu wählen
Kurz nachdem wir das Labyrinth verlassen hatten setzte ein Regenschauer ein, und wir mussten Schutz unter den hohen Bäumen in der Nähe des angelegten Teichs suchen: In dessem Mitte schießt die Emperor Fountain in die Höhe. Nachdem Zar Nikolaus I. von Russland dem 6. Duke of Devonshire William Cavendish Mitte des 19. Jahrhunderts seinen Besuch angekündigt hatte, beschloss der Herzog, den höchsten Springbrunnen der Welt zu errichten. Oberhalb des Hauses wurde ein See angelegt und bereits nach sechs Monaten schoss die Fontäne nachweislich 90 Meter in die Höhe (aufgrund der begrenzen Wassermenge läuft der Springbrunnen heutzutage nur mit reduzierter Leistung). Das Schicksal meinte es jedoch nicht allzu gut mit dem Herzog, und vor allem nicht mit dem Zar, der 1855 starb und die Fontäne nie zu Gesicht bekam.

Nach dem kurzen Schauer machten wir uns auf den Weg zum Haus und betraten es durch einen Seiteneingang mit antiken Statuen.

Von dort ging es zur prächtigen Eingangshalle, die wirkte, als sei sie erst gestern fertig gestellt worden, tatsächlich aber für den 1. Duke Ende des 17. Jahrhunderts errichtet worden war. Ins Auge fallen sofort der markante schachbrettartige Fußboden, die breite Treppe und vor allem die Wand- und Deckengemälde, die vom französischen Künstler Louis Laguerre stammen und Szenen aus dem Leben von Julius Cäsar darstellen. Wenn der Duke of Devonshire seine Gäste damit nicht beeindrucken konnte, dann verstehen wir die Welt nicht mehr.

Anfang des 20. Jahrhunderts durch den 9. Duke
Die Ausstattung des Oak-Room stammt aus einem Kloster in Deutschland. Der 6. Duke hielt sich 1837 zu einer Shoppingtour auf der anderen Seite des Ärmelkanals auf.

Für die von 1688-1693 andauernden Arbeiten an der Kapelle waren nur die besten Handwerker gut genug. Louis Laguerre, der bereits für die Gemälde in der Empfangshalle verantwortlich war, steuerte hier das Deckengemälde bei, der Altar aus englischen Steinbrüchen wurde vom Meisterbildhauer Samuel Watson geschaffen.

und einen Blick zurück von der Balustrade werfen
Die mit vergoldetem Leder bezogenen Wände des repräsentativen Musikzimmers und ein Großteil der Möbel wurden hier Anfang des 19. Jahrhunderts aufgestellt, als der 6. Herzog Chatsworth neu einrichtete, inspiriert von einem Besuch im französischen Königsschloss Fontainebleau. Durch die offene Tür in der Mitte des Raumes sieht man eine Violine und einen Bogen, die an einem blauen Band aufgehängt sind: Es ist jedoch nur eine optische Täuschung, lediglich die Tür ist echt.
Das Staatsgemach wurde vom 1. Herzog von Devonshire im späten 17. Jahrhundert in der Hoffnung auf einen königlichen Besuch eingerichtet und 2006/2007 komplett renoviert. Das Deckengemälde von Louis Laguerre zeigt Aurora, die Göttin der Morgendämmerung, wie sie die Göttin Diana vertreibt, die den Mond und die Nacht symbolisiert.
Im Treppenhaus hängen Familien- und Königsporträts vom 1. bis zum 11. Duke. Das zentrale Porträt eines Reiters zeigt den 1. Duke um 1670, als er noch 4. Earl war: Er musste sich noch 24 Jahre gedulden, bevor er den Titel “Duke” in Empfang nehmen konnte.

Die Gästezimmer im ersten Stock schmücken exquisite, handbemalte chinesische Tapeten aus dem 18. Jahrhundert. Obwohl in China entstanden, zeigt es farbenprächtige einheimische Pflanzen-, Vogel- und Schmetterlingsarten.




Die Ermüdung unserer Augen durch die mit antiken Möbeln, Tapisserien und Keramiken vollgestopften historischen Räume wurde zwischendurch zum Glück einige Male abgemildert. Peregrine Cavendish, der 12. Duke of Devonshire, und seine Frau interessieren sich sehr für moderne Kunst. Das erste Kunstwerk, das sich über die gesamte Länge einer Zimmerflucht erstreckte, bestand aus einzelnen Stücken unglasierter Keramik und stellt die DNA des Duke, seiner Frau, ihres Sohnes und der Schwiegertochter dar. Die herausstehenden kleinen Keramikblöcke symbolisieren die DNA aller vier Porträtierten.

Der britische Künstler Lucian Freud (gebürtiger Berliner und Enkel des berühmten Psychoanalytikers Sigmund Freud) war ab 1959 ein enger Freund und häufiger Gast des 11. Duke of Devonshire. Auch er hinterließ seine Spuren im Chatsworth House.

Der Maler empfand den Kopf des Pferdes als schwach und blendete ihn daher bewusst aus.

Ein weiteres ebenfalls beeindruckendes Werk ganz anderer Art steht im Sabine Room, reicht bis fast an die Decke und musste durch ein ausgebautes Fenster in den Raum hinein bugsiert werden. Das Werk mit dem Titel “Enignum VIII Bed” (2015) fungiert tatsächlich, wie uns eine nette Angestellte in dem Raum erläuterte, als Gästebett – natürlich ist der Raum in dieser Zeit für andere Besucher geschlossen.
Ebenfalls aus dem Atelier des irischen Künstlers Joseph Walsh stammt ein wunderschön geschwungenes Sitzmöbel, bei dem wir leider nicht ausprobieren durften, ob man bequem darauf sitzen kann. Für die Möbel existiert im Übrigen leider kein Katalog mit Preisschildern, diese werden als Auftragsfertigung produziert oder in Auktionshäusern versteigert.
Über 17.000 Bücher umfasst die Bibliothek von Chatsworth House und geht zu einem großen Teil auf den 6. Duke zurück. Einige der historischen Bücher waren in Vitrinen auf unserem Rundgang zu bewundern.



Geschichtsträchtig geht es auch im Großen Speisesaal zu. Das erste Abendessen in diesem Saal fand im Jahr 1832 zu Ehren von Prinzessin Victoria, der späteren Königin, statt. Sie war damals 13 Jahre alt, und es war ihr erstes formelles Abendessen.
Der 6. Herzog schuf zwischen 1818 und 1848 die Sculpture Gallery. Der Kunstmarkt war jedoch durch eine exzessive Sammelleidenschaft vorausgegangener Jahrhunderte nahezu leergefegt, so dass er sich in seiner Sammlung auf europäische Skulpturen des frühen 19. Jahrhunderts fokussierte.
Von Antonio Canova (1757–1822) stammen sechs der Kunstwerke in dieser Galerie, er galt als einer der besten Bildhauer Europas seiner Zeit und war ein Freund des 6. Herzogs. Eines der letzten Werke, die Canova vor seinem Tod im Jahr 1822 schuf, ist „Endymion“: Die Skulptur zeigt Endymion, einen hübschen Hirten aus der griechischen Mythologie.

Jede Nacht küsste sie ihn in den Schlaf. Sie bat den Gott Zeus, ihm ewiges Leben zu schenken, damit sie ihn für immer umarmen könne.
Zeus erfüllte ihren Wunsch und versetzte Endymion in einen ewigen Schlaf
Ein weiteres Meisterwerk ist eine Figur von Raffaele Monti, die vom 6. Duke während seines Aufenthalts in Neapel in Auftrag gegeben wurde: die Skulptur einer der Priesterinnen der alten römischen Göttin Vesta. Die Darstellung von durchscheinenden Stoffen war zu dieser Zeit beliebt.

Damit endete unser Rundgang durch Chatsworth House. Besucher steht die Option offen, mit Käufen in dem riesigen Souvenirshop zum Erhalt und zur Finanzierung des Anwesens beizutragen.
Der Parkplatz des Anwesens hatte sich am späten Nachmittag bereits merklich geleert und wir machten uns auf den Weg ins nahegelegene Bakewell am River Wye, um ein Restaurant für unser Abendessen zu finden. Bei der Ankunft reservierten wir einen Tisch im Restaurant Woodyard und hatten so noch eine dreiviertel Stunde Zeit für einen kleinen Erkundungsspaziergang durch den kleinen Ort.


Seit unserer Reise durch Australien und Neuseeland wollen wir die Regeln dieses Spiels verstehen
Nach italienischem, indischen, thailändischen Essen und englischem Pubfood zeigte der Koch im Restaurant The Woodyard, dass auch die englische Küche überzeugen kann.




Auf der letzten Etappe nach Manchester führte der Weg erneut durch die wunderschöne Landschaft des Peak District mit tief eingeschnittenen Tälern, sanften grasbewachsenen Hügeln und alten Steinmauern, zwischen denen die Schafe grasten.



























