Scarborough (01.06.) – Castle Howard und Besuch beim Tierarzt

Den gestrigen Tag an der Küste im Zeichen der Seevogelbeobachtung hatten wir noch genutzt, um ein letztes Mal trockenes Wetter zu erleben, bevor ab heute alles unbeständiger werden sollte. Entsprechend stand heute ein Tag mit Dach über dem Kopf auf dem Programm – und das erste dieser Dächer, samt allem, was sich darunter verbarg, war wahrlich prachtvoll: Castle Howard, 25 Kilometer nordöstlich von York gelegen und seit der Erbauung vor über 300 Jahren im Besitz der Familie Howard

In Auftrag gegeben wurde es von Charles Howard, dem 3. Earl of Carlisle beim Architekten John Vanbrugh, der Bau begann 1699. Die zentrale Kuppel – zu jener Zeit ungewöhnlich für ein nicht-sakrales Gebäude – kam erst nachträglich hinzu. 1940 zerstörte ein verheerendes Feuer einen Großteil des Hauses, die Kuppel stürzte ein und wurde erst 20 Jahre später wieder aufgebaut.

Um das gesamte Hause auf ein Foto zu bannen benötigt man entweder ein Weitwinkelobjektiv oder mehrere Schritte zurück.

Fokus auf den Eingangsbereich mit Kuppel
So sieht es aus, wenn die gesamte Anlage auf das Bild passen soll

Bekanntheit über die Region hinaus erlangte Castle Howard vor allem durch seine Rolle als Brideshead Castle – sowohl in der Fernsehserie von 1981 als auch in der Verfilmung aus dem Jahr 2008 von Evelyn Waughs 1945 erschienenen Roman Wiedersehen mit Brideshead. Mal schauen, ob wir zu Hause einen Streamingdienst finden, um zu sehen, wie sich Castle Howard auf der Leinwand macht.

Die Dimensionen des Anwesens bekamen wir bereits am Ticket Office zu spüren, von dort waren es noch gut 300 Meter zu Fuß bis zum Eingang im Westflügel des Hauses. Wie so oft betreten heutige Besucher das Haus nicht durch den prunkvollen Haupteingang, mit dem der Hausherr seine Gäste beeindrucken wollte – dorthin wurden wir erst später geführt. Doch auch das Treppenhaus, durch das wir eintraten, ließ keine Spur vornehmer Zurückhaltung erkennen.

Rund um die in den 1870er Jahren errichtete Grand Staircase finden sich Gipsabgüsse antiker Flachreliefs, die der 4. Earl of Carlisle von seiner Grand Tour durch Europa mitbrachte

Oben am Treppenabsatz wartete ein allein von der Größe her beeindruckender Porzellanschrank, gefüllt mit Tellern, Tassen und Schüsseln, teils komplette Service aus Meißner Porzellan.

Ein Porzellanschrank so groß wie (oder größer als) unsere gesamte Küche

Der Rundgang führte weiter durch prunkvolle historische Schlafzimmer, durch mit Personenwaage ausgestattete Badezimmer, entlang von Galerien mit antiken Skulpturen, die Henry Howard, der 4. Earl of Carlisle, auf seiner Italienreise im 18. Jahrhundert zusammengetragen hatte.

Das Schlafzimmer aus dem frühen 19. Jahrhundert von Lady Georgiana, der Frau des 5. Earls of Carlisle
Lady Georgianas historisches Ankleidezimmer mit schöner japanischer Wandtapete
Es lohnte sich auch in die Ecken zu schauen, um wie hier z.B. einen vierteiligen Paravent aus bemaltem Leder zu entdecken
Galerie mit antiken römischen Skulpturen
Berühmte Skulptur eines Löwen, der einen Stier reißt, aus dem späten 1. Jahrhundert n. Chr.

Wer bis dahin noch nicht beeindruckt war, bekam in der großen Eingangshalle die nächste Gelegenheit: Der Blick hinauf in die Kuppel offenbart eine Nachbildung von Pellegrinis „Sturz des Phaeton”, angefertigt vom kanadischen Künstler Scott Medd, nachdem die zerstörte Kuppel wieder aufgebaut war.

Es dauerte Jahrzehnte, bis nach dem verheerenden Brand von 1940 die Eingangshalle samt Kuppel und weitere historische Räume wieder original hergerichtet waren

Das Schloss dient nicht nur als Bühne für historische Filmproduktionen. An einem der im Musikzimmer ausgestellten Klaviere saß einst Alex Turner, Sänger der aus Sheffield stammenden und von uns geliebten Band Arctic Monkeys, für das Video zum Song Four Out of Five. Wer sich das Video ansieht, bekommt einen schönen filmischen Vorgeschmack auf das Haus.

Die Arctic Monkeys durften für ihr Musikvideo Four out of Five Castle Howard als Kulisse nutzen
Der Gobelin Saal wurde bei dem Band 1940 zerstört und stand seitdem leer.
Die Restaurierung wurde erst im letzten Jahr beendet

Im purpurroten Speisesaal war fein eingedeckt – allerdings leider nicht für uns. Das Geschirr von Meißen mit seinen Löwenmotiven aus der Kollektion Hofdrache ist übrigens bis heute käuflich zu erwerben: ein einzelner Speiseteller kostet schlappe 449 EUR – dafür ist er nicht einmal spülmaschinengeeignet.

Gegen ein Mittagessen hätten wir nichts einzuwenden gehabt
Fehlt nur noch unser Name auf dem Tischkärtchen

Durch den türkisfarbenen Zeichenraum gelangten wir in den langgestreckten Ostflügel, dessen Wände eine Vielzahl von Gemälden zieren – ebenfalls eine Sammlung des 4. Earl of Carlisle.

Mal etwas Abwechslung in Sachen Farbe an den Wänden und den Stoffen der Sitzmöbel
Flügel (und jede Menge Gemälde und Kostbarkeiten) im Ostflügel

Eines der Highlights des Rundgangs ist sicherlich die Kapelle. Sie liegt im Westflügel, stammt aus der Mitte des 18. Jahrhunderts und war ursprünglich als Speisesaal gedacht. Später im präraffaelitischen Stil neu gestaltet, besticht sie heute durch beeindruckende Entwürfe von William Morris und Edward Burne-Jones. Die aufwendig gestalteten Buntglasfenster zeigen biblische Szenen und lassen sich so geschickt öffnen, dass das Motiv voll zur Geltung kommt, während dennoch Tageslicht in den Raum fällt.

Wäre sicherlich auch ein schöner Ort für einen Speisesaal gewesen

Nach einer kurzen Pause im Café setzten wir unseren Rundgang im Garten fort: zum Atlasbrunnen mit herrlichem Blick auf die Gartenseite des Schlosses und weiter in den Walled Garden, der nicht nur der Zier, sondern auch als Nutzgarten dient.

Der arme Atlas ist von Zeus dazu verdonnert, das Himmelsgewölbe am westlichsten Rand der Erde zu stützen
Castle Howard von der Gartenseite aus gesehen, mit dem Atlasbrunnen im Vordergrund
Vier Tritonen speien seit 1853 Wasser durch ihre Schneckenhörner

Zum Abschluss noch ein paar Eindrücke aus dem Garten des Hauses:

Nach der Besichtigung fuhren wir weiter Richtung Westen nach Thirsk, westlich des Nationalparks North York Moors gelegen. Dort befindet sich die ehemalige Tierarztpraxis von James Alfred Wight, heute besser bekannt unter seinem Pseudonym “James Herriot”. Eine Randnotiz wäre das wohl geblieben, hätte Alfred nicht irgendwann zur Schreibmaschine gegriffen und Romane über sein Leben als Tierarzt verfasst. Die Bücher um die Hauptfigur James Herriot wurden in zahllose Sprachen übersetzt und von der BBC zwischen 1978 und 1990 in sieben Staffeln unter dem Titel „All Creatures Great and Small” verfilmt – in Deutschland bekannt als „Der Doktor und das liebe Vieh“.
Die Neuverfilmung von 2020 hatten wir zu Hause vollständig gesehen, die herzerwärmenden Geschichten aufgesogen und die malerische Landschaft der Yorkshire Dales bewundert. Entsprechend gespannt waren wir, einen Blick hinter die Fassade der heute als Museum eingerichteten Originalpraxis zu werfen.

Als Besucher bekommt man einen guten Eindruck davon, wie die originalen Räume als Filmkulisse umgesetzt wurden. Requisiten aus der Originalserie waren ebenfalls zu sehen, von der Neuverfilmung allerdings nur einige Fotos und Videoaufnahmen.

Im Esszimmer sitzt Mrs. Pumphrey mit ihrem verwöhnten und komplett verzogenen Pekinesen Tricki Woo am Fenster
In der Serie sieht der Medikamentenschrank mit erstaunlich viel Substanzen exakt so aus wie in der Realität
Blick in den Behandlungsraum, der in der Serie deutlich größer und deutlicher aufgeräumter daherkam
Passend zur Originalserie gab es damals jede Menge Memorabilia zu kaufen
Die Bücher von James Herriot wurden in vielerlei Sprachen übersetzt
Originaleinrichtung aus der Fernsehserie, die in den 1970er und 1980er Jahren ausgestrahlt wurde
Während man in Deutschland “Rosis Nummer” unter “32 16 8” kennt,
ist in England “Darrowby 385” mindestens ebenso bekannt
Blick in die Filmkulisse des Schreibzimmers
Ein Austin Seven – das originale Auto, mit dem James Herriot in der Serie seine Patienten besuchte

Als wir das Museum verließen war es bereits später Nachmittag, und wir entschieden uns, zum Abendessen in Thirsk zu bleiben – zunächst mit einem kleinen Spaziergang zum Marktplatz.

An dieser Stelle folgt eine kleine Lehrstunde, wie man auch ein Restaurant unter mehreren Möglichkeiten auswählen kann. Üblicherweise greifen wir auf Bewertungsportale wie früher tripadvisor oder heute meist google zu. In England allerdings hatte Alex folgende Methode: Englische Restaurants werden von Lebensmittelkontrolleuren auf die Einhaltung von Hygienestandards geprüft, auf einer Skala von 0 (dringender Verbesserungsbedarf) bis 5 (sehr gute Hygienestandards). Das erste indische Restaurant auf unserer Liste von Restaurants im näheren Umkreis, das Bengal Kitchen, erreichte lediglich eine 4 – Grund genug für Alex, den deutlich weiteren Weg zum Black Cardamon in Kauf zu nehmen, das stolz eine 5 im Schaufenster präsentierte.

Dass die Kontrolleure nicht den Einsatz von Lebensmittelfarbe bewerten, sei nur am Rande erwähnt – sonst hätte unsere Auswahl bestimmt schlechter abgeschnitten.

Auf der Fahrt zurück nach Scarborough konnte Jochen zum Verdruss von Alex der Versuchung nicht widerstehen, eine besonders schmale Seitenstraße zu nehmen, um einen kleinen Abstecher zur Ruine der Rievaulx Abbey zu machen. Glücklicherweise kam uns am frühen Abend auf der Straße, kaum breiter als das Auto selbst und rechts wie links von Hecken und Mauern eingerahmt, kein einziges Fahrzeug entgegen.

Die ehemalige Abtei liegt in einem bewaldeten Tal des River Rye und wurde, wie alle englischen Klöster, 1538 unter Heinrich VIII. aufgelöst, zerstört und verfiel im Lauf der Jahrhunderte. Für einen Besuch waren wir zu spät dran, und nach einem kurzen Fotostopp von Jochen war Alex wieder froh, als wir sicher auf die Hauptstraße einbogen.

Rievaulx Abbey war die erste große Abtei des im ausgehenden 11. Jahrhunderts in Burgund entstandenen Zisterzienserordens in England
Ein bisschen fühlte sich der Fasan bei seinem Techtelmechtel von uns gestört

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