Bereits gestern bei unserer Anfahrt auf Lincoln hatten wir die mächtige Kathedrale auf einem Hügel oberhalb der Stadt erblickt – sie war aber auch wirklich nicht zu übersehen. So war klar, wohin unser Weg heute Morgen führen würde: immer bergauf. Die Straße den Hügel hinauf heißt nicht umsonst „Steep Hill”, es geht vorbei an kleinen Cafés und Shops mit ordentlichen Steigungsprozenten hinauf.

Oben angekommen fielen uns zunächst die vielen schön restaurierten Backsteinhäuser des kleinen Viertels auf. Hier wohnten einst die besser gestellten Bürger Lincolns, während in den Niederungen, dem sogenannten „Down Hill”, Arbeiterfamilien lebten, die in den Maschinenbaufabriken der Stadt ihren Lebensunterhalt verdienten.
Wir bogen nach rechts in Richtung Kathedrale ab – die Wegweiser zu unserem Ziel für den Nachmittag, Lincoln Castle, zeigten nach links.
Als die Kathedrale von Lincoln im Jahr 1311 fertiggestellt wurde, war sie das höchste Bauwerk der Welt. Allerdings war der kurz zuvor errichtete Vierungsturm mit seinem angeblich 160 Meter hohen Turmhelm bereits 1239 eingestürzt und wurde danach nicht wieder aufgebaut. Der älteste erhaltene Teil stammt aus dem späten 11. Jahrhundert, kurz nachdem die Normannen England erobert hatten. Feuer und ein Erdbeben zerstörten in den folgenden Jahrhunderten große Teile des Gotteshauses. Der Wiederaufbau ab 1192 lag schließlich in den Händen von Hugo von Avalon, Bischof von Lincoln von 1186 bis zu seinem Tod im Jahr 1200 und zwanzig Jahre später bereits heiliggesprochen.
Berühmt ist die Kathedrale für ihr monumentales romanisches Westportal mit einem faszinierenden Bilderfries aus dem 12. Jahrhundert, der die Menschheit auf unnachahmlich mittelalterliche Weise in Himmel und Hölle einteilt. Die Skulpturen zeigen biblische Szenen, die Erlösung der Gerechten – und das wenig schmeichelhafte Schicksal der Sünder. Erschaffen wurden sie für die Analphabeten des Mittelalters, um sie vor den ewigen Höllenqualen zu warnen und gleichzeitig in den Schoß der Kirche zu locken – eine Kombination aus Werbeplakat und Drohung, die man heute wohl nicht mehr so leicht durchgehen ließe.

Dass die Reliefs so unversehrt wirken, verdankt sich einem Restaurierungsprojekt, bei dem die Originale durch Kopien ersetzt wurden. Den Vergleich vorher/nachher konnten wir später in einer kleinen Ausstellung zum Kirchenschatz bestaunen.
Nach Entrichtung von 12,95 GBP/Person erhielten wir am Eingang einen Plan mit den wichtigsten Stationen innerhalb der Kathedrale – eine nützliche Orientierungshilfe in dem weitläufigen Bau. Neben den beeindruckenden Ausmaßen der Kirche fesselten uns vor allem die großen Buntglasfenster, das aufwendig geschnitzte Chorgestühl und die Grabmäler bedeutender Persönlichkeiten.





Im Chor liegt Königin Eleonore von Kastilien, erste Gemahlin König Eduards I., in einem reich verzierten Sarkophag begraben. Wie im 13. Jahrhundert üblich, wurden ihre Eingeweide in der Kathedrale beigesetzt. Ihr Herz ruht ihrem Wunsch entsprechend im Londoner Blackfriars-Kloster, ihr Leichnam in der Westminster Abbey. Eine Frau, die auch im Tod noch auf Ordnung achtete.
Im sogenannten Engelschor findet sich noch heute der erhaltene Sockel des Grabmals von Hugo von Avalon. Ursprünglich besaß es einen prächtigen goldenen Schrein, der dem berühmten Becket-Schrein in Canterbury in nichts nachstand – bis er während der Reformation zerstört wurde.
Wer über dem Grabmal genau hinschaut, entdeckt den sogenannten “Lincoln Imp”: ein koboldartiges Steinwesen, das der Legende nach den Wiederaufbau der Kathedrale verhindern wollte und dafür zur Strafe versteinert wurde. Der kleine Frechdachs ist heute die eigentliche Hauptattraktion der Kathedrale. Hätte der Steinmetz das damals gewusst, er wäre vermutlich sehr stolz gewesen – und hätte bestimmt eine Lizenzgebühr verlangt.

Über den Ausgang im linken Seitenschiff gelangt man in den Kreuzgang und von dort in den mittelalterlichen Kapitelsaal – einen der imposantesten Räume der gesamten Anlage. Eine einzige mächtige Säule trägt das achteckige Gewölbe; hier wird der Bischof von Lincoln gewählt, und in dieser Atmosphäre finden auch Konzerte statt, bei denen die Akustik sicher das Ihre tut.

In der öffentlichen Bibliothek der Kathedrale lagert eine Sammlung von 277 Manuskripten sowie eine Bibel aus dem 11. Jahrhundert. Darüber hinaus besitzt die Kathedrale eines der weltweit noch vier erhaltenen Exemplare der Magna Carta – allerdings wird es nicht hier, sondern im nahe gelegenen Lincoln Castle aufbewahrt.
Nach diesem ausgiebigen Rundgang ließen wir es uns im großen Café der Kathedrale gut gehen – eine durchaus willkommene Einnahmequelle neben Eintrittsgeld und Souvenirshop, und für uns eine ebenso willkommene Pause.
Nur wenige Meter entfernt auf der anderen Seite des Hügels erhebt sich die mächtige Anlage von Lincoln Castle. Als Wilhelm der Eroberer den Ort 1068 erreichte, ließ er kurzerhand die Häuser im Rund der ehemaligen römischen Anlage abreißen und eine Burg errichten. Dass sie heute noch so gut erhalten ist, verdankt sie dem Umstand, bis ins 19. Jahrhundert als Gefängnis gedient zu haben.


Nach unserer Führung besuchten wir das aus viktorianischer Zeit erhaltene Gefängnis, in dem nicht nur Männer und Frauen streng voneinander getrennt wurden, sondern auch die einzelnen Insassen keinerlei Kontakt zueinander haben durften. Man wollte verhindern, dass die Häftlinge sich gegenseitig auf noch schlimmere Ideen brachten – eine Theorie, die man heute mit etwas gutem Willen als „frühe Resozialisierungsphilosophie” bezeichnen könnte.

Zwei als Aufseher verkleidete Guides erklärten anschaulich, wie das System funktionierte, und empfahlen uns beim Hinausgehen nachdrücklich, noch einen Blick in die einzige erhaltene Gefängniskapelle dieser Art zu werfen. Auch dort sollte jede Kommunikation zwischen Insassen unterbunden werden – die Kirchenbänke waren so gestaltet, dass jeder Häftling ausschließlich den Pfarrer auf der Kanzel im Blick hatte. Erbaulich im wahrsten Sinne des Wortes.

Den Abschluss bildete ein letzter Blick von der Burgmauer hinüber zur mächtigen Kathedrale, die majestätisch aus dem Gewirr der mittelalterlichen Häuser herausragt.
Etwas abseits der Besucherströme fanden wir schließlich das Restaurant Caffè Portico für das gewünschte italienische Abendessen. Die selbst gesetzten Kriterien für einen gelungenen Restaurantbesuch – sehr gutes Essen, freundlicher und zügiger Service, sehr guter Espresso – wurden allesamt erfüllt. Einziger kleiner Wermutstropfen: Die Pizza L’italiano kam nach unserem Geschmack mit etwas zu großzügig bemessenem Mozzarella daher – aber das ist Jammern auf hohem Niveau.



Am Essen und/oder am Service kann es definitiv nicht liegen
Nach einem Drink im Katie O’Brien’s Pub mit Livemusik im Hintergrund spazierten wir entlang des Brayford Pool zum Hotel und in Richtung Sonnenuntergang.














