York (29.05.) – Moderne Kunst und alte Maschinen

In der Frühe verließen wir Lincoln und machten uns auf eine längere Fahrt nach York, vorbei an Sheffield und Leeds – zwei alten Industriestädten, bei denen wir keine für uns relevanten touristischen Highlights entdeckt hatten.

Unser erster Stopp auf dem Weg lag inmitten sanft geschwungener, grasbewachsener Hügel: der Yorkshire Sculpture Park (YSP). Der 1977 von Peter Murray auf dem 500 Hektar großen Bretton Hall-Anwesen aus dem 18. Jahrhundert in West Yorkshire gegründete erste Skulpturenpark Großbritanniens ist bis heute der größte seiner Art in Europa. Anfänglich war der Widerstand gegen das Projekt beträchtlich. In Leserbriefen wurde der vermeintliche „Metallschrott” als „Beleidigung für die Intelligenz der Steuerzahler” gegeißelt. Die Mehrheit der lokalen Bevölkerung war jedoch von der Idee angetan und wollte bald mehr sehen. Da der Park nie viel Geld für den Ankauf von Kunstwerken hatte, stifteten viele Künstler ihre Skulpturen oder stellten sie als Leihgaben zur Verfügung. Hunderte von Künstlern aus über 40 Ländern folgten diesem Aufruf.

Ganz unbeeindruckt von den Kunstwerken und den umherschlendernden Besuchern erledigten die Schafe derweil stoisch ihre Aufgabe, den Rasen kurz zu halten – Rasenmäher auf vier Beinen, die sich um Kunstkritik nicht scheren.

Unser Rundgang umfasste den wesentlichen Teil der weitläufigen Ausstellungsfläche und hinterließ bleibende Eindrücke.

Wenn wir heute Nacht nicht schlafen können, zählen wir die Schafe auf dem Bild
Beim Spaziergang über die Wiese mussten wir höllisch aufpassen, da Schafe für ihre Notdurft keine Toilette benutzen

Hier Eindrücke unseres Rundgangs, beginnend mit riesigen Skulpturen von Damien Hirst entlang von Kunstwerken, die uns mal mehr, mal weniger gefielen, hinunter zum Ufer der Bretton Lakes, entlang des Sees und wieder zurück zum Startpunkt unseres Rundgangs – ein Besuch eines Cafés auf dem Gelände durfte natürlich nicht fehlen.

Damien Hirst – Charity (2002-2003)
Diese Figur beruht auf den in den 1960/70er Jahren in Großbritannien verbreiteten Spendenboxen der Wohltätigkeitsorganisation Scope
Nicht nur Kunstwerke konnte man bewundern, sondern auch einfach nur die Landschaft
Jaume Plensa – Wilsis (2016)
Sofern man in der Nähe wohnt, ist sicher ein Jahrespass für den Park lohnend – einfach um zu entspannen
Barry FlanaganLarge Nijinski on Anvil Point (2001)
Der Hase ist inspiriert vom russischen Balletttänzer Vaslav Nijinsky
Leiko Ikemura – Usagi Kannon II (2013-2018)
Kreatur mit Kaninchenohren und einem weinenden, menschlichen Gesicht wirkt als Symbol für universelle Trauer – erstmals entstanden nach der Reaktorkatastrophe von Fukujima
Kalliopi Lemos – Bag of Aspirations (2019)
Da hat wohl jemand seine Tasche vergessen, allerdings eine ganz schön schwere aus Stahl
Sophie Ryder – Sitting (2007)
Die Figur “Lady Hare” kombiniert den weiblichen Körper mit dem Kopf eines Hasen
Barbara Hepworth – The Family of Man (1970)
Eines der letzten großen Werke vor ihrem Tod: Jede der neun Skulpturen stellt eine Lebensphase dar
Hank Willis Thomas – All Power to All people (2023)
Kombination aus Afro-Pick und dem Black Power-Gruß, beides Ikonen der schwarzen Identität
Daniel Arsham – Unearthed Bronze Eroded Melpomene (2021)
Die Skulptur bezieht sich auf eine Statue aus dem Louvre-Museum
Daniel Arsham – Bronze Extraterrestrial Bicycle (2022)
Die Skulptur ist inspiriert vom Film E.T. – Der Außerirdische
Die Rhododendron-Hecken standen zur Zeit unseres Besuchs in voller Blüte – wunderschön!
Der Park ist auch einen Besuch wert, wenn man die Kunst nicht mag

Durch historische Romane inspiriert hatte sich Jochen bei der Reisevorbereitung für die Geschichte der Wollverarbeitung und die industrielle Revolution in Mittelengland begeistern können. In der Region gibt es dazu mehrere Museen, aufgrund unserer Fahrtroute entschieden wir uns für das Leeds Industrial Museum. Es ist in den Armley Mills untergebracht – einst der größten Wollspinnerei der Welt – und beherbergt Sammlungen zu Textilmaschinen, Buchdruck und der Filmproduktionsgeschichte von Leeds.

Leeds Industrial Museum in der ehemaligen weltweit größten Wollspinnerei

Leider gab es keine Mitarbeiter, die einzelne Maschinen hätten erklären können, sodass wir auf Informationstafeln und unsere eigene Vorstellungskraft angewiesen waren. Manchmal wäre ein einziger begeisterter Erklärer mehr wert als zehn gut gemeinte Schautafeln.

Im Außenbereich gab es eine Ausstellung mit Filzkunst

Vom Industriemuseum war es dann nur noch knapp eine Stunde bis zu unserer nächsten Unterkunft in York. Auf dem Weg zu unserer Unterkunft legten wir noch einen Stopp beim Restaurant Garden of India ein.

In unserem Hotel angekommen wurden wir herzlich an der Rezeption empfangen – und waren froh, noch einen der begehrten Parkplätze auf dem hoteleigenen Parkplatz ergattern zu können. Nach dem Einchecken starteten wir zu einem ersten kurzen Spaziergang durch die Stadt.

Ziel war eine der ältesten mittelalterlichen Straßen Europas und eine der meistbesuchten Touristenattraktionen Englands: The Shambles. Die aus dem 14. Jahrhundert stammende Gasse mit ihren pittoresken, windschiefen Fachwerkhäusern war ursprünglich eine Metzgerstraße. Heute ist kein einziger Metzger mehr ansässig – Boutiquen, Cafés und vor allem Harry-Potter-Läden haben das Terrain übernommen, denn die Gasse erinnert sehr an die berühmte Winkelgasse, in der Harry Potter seine Zauberausrüstung für den Eintritt bei Hogwarts kaufen musste. Ob J.K. Rowling hier je selbst flaniert ist, wissen wir nicht – aber die Ähnlichkeit ist tatsächlich frappierend.

The Shambles – mit einer Straße, die unten breiter ist als oben

Morgen dann mehr Eindrücke aus der Stadt.

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