Nach drei Tagen London war es an der Zeit, unsere Zelte in der Großstadt abzubrechen und auf’s Land zu fahren. Der Stansted Express von Liverpool Street zum Flughafen London Stansted war unser erstes Fortbewegungsmittel – am Zielort wartete unser Mietwagen für die kommenden zehn Tage auf uns.
Am Europcar-Schalter angekommen, waren wir auf die obligatorische Frage nach einer Zusatzversicherung vorbereitet und lehnten dankend ab.
Bei der Wahl des Fahrzeugs selbst hätten wir jedoch beinahe einen kostspieligen Fehler gemacht. Der ausgesprochen nette Mitarbeiter präsentierte uns zwei Optionen: einen VW Golf oder einen 3er BMW. Wir hatten uns schon fast für den Golf entschieden, als wir sicherheitshalber noch einmal einen Blick in unseren Buchungsbeleg warfen – und staunten nicht schlecht. Die angebotenen Fahrzeuge waren keineswegs ein Upgrade, sondern schlicht eine deutlich teurere Kategorie. Wären wir darauf eingegangen, hätten wir rund 700 Euro mehr bezahlt.
Wir wählten die Option, die man uns wohlweislich nicht angeboten hatte: die eigentlich schon gebuchte Kategorie „Opel Corsa oder vergleichbar”. Kurz darauf hielten wir die Schlüssel für einen Skoda Fabia in den Händen, der uns in den folgenden zehn Tagen ausgezeichnete Dienste leisten sollte.
Unser nächster Übernachtungsort war Cambridge, auf dem Weg dorthin machten wir zunächst einen Abstecher nach Ely.
Der Name des Ortes leitet sich von den Aalen ab, die man einst in der Sumpflandschaft rund um diese ehemalige Insel fing. Die umgebenden Fens, jahrzehntelang urbar gemachtes Marschland, prägen die Gegend bis heute. Gegründet wurde die Stadt von der heiligen Etheldreda (auf Deutsch “Edeltraud”) von Northumbria, die auf der Flucht vor ihrem Mann hier ein Kloster errichtete. Nach ihrem Tod sollen sich zahlreiche Wunder ereignet haben, die Pilger aus der ganzen Region anzogen – das ist der Grund, warum die drittkleinste Stadt Englands eine Kathedrale besitzt, die alles überragt und schon von weitem wie eine Fata Morgana aus der flachen Landschaft auftaucht.
Ausgestattet mit einem informativen Audioguide machten wir uns auf den Weg durch das Innere. Mit dem Bau wurde bereits 1081 begonnen. Zunächst waren wir schlicht von den Ausmaßen überwältigt: Das Kirchenschiff misst stolze 170 Meter, die aufwendige Deckenbemalung stammt aus dem 19. Jahrhundert.

Hier und vor allem beim Vierungsturm lohnt es sich, den Kopf in den Nacken zu legen und ins Staunen zu geraten. Nachdem der zentrale Vierungsturm 1322 zusammengestürzt war, entstand an seiner Stelle ein achteckiger Turm mit einer außergewöhnlichen Holzkonstruktion – bis heute ein ingenieurtechnisches Meisterwerk.
An den Kapitellen ringsum erzählen Steinmetzarbeiten Szenen aus dem Leben der heiligen Etheldreda.
Die Marienkapelle – flächenmäßig fast so groß wie eine eigenständige Kirche – beherbergt eine moderne Skulptur der Jungfrau Maria des Bildhauers David Wynne, die im November 2000 vom damaligen Prince of Wales, heute König Charles III., enthüllt wurde: ein gelungener Kontrast zur gotischen Pracht ringsum.
Bei den Bischofskapellen aus dem 15. und 16. Jahrhundert hat man an Prunk ebenfalls nicht gespart. Ob das an der Himmelspforte geholfen hat, ist nicht überliefert.
Natürlich darf ein aufwendig geschnitztes Chorgestühl auch hier nicht fehlen:
Der Hauptdarstellerin, die den Grundstein für den Pilgeransturm legte, hat man natürlich auch ein Denkmal gesetzt:

wo sie ein Doppelkloster für Männer und Frauen gründete

Eine aktuelle Attraktion der Kirche findet sich hoch oben im Turm. Ein Wanderfalkenpaar hat sich hier häuslich eingerichtet und zieht seine Jungen groß, beobachtet von einer Kamera, die das Bild in eine Nische des Kirchenschiffs überträgt.
Bei für englische Verhältnisse fast schon unerträglicher Hitze suchten Einheimische und Besucher gleichermaßen Abkühlung im Schatten der Bäume am Ufer des Great Ouse – einst Lebensader der Stadt, heute beliebte Wasserstraße für Freizeitkapitäne und ihre Ausflugboote.

Nach einem Viertelstundenmarsch erreichten wir das einladende Café Riverside mit Blick auf den Fluss, wo man sich die schattigen Plätze redlich erkämpfen musste. Die Bedienungen hatten bei diesen Temperaturen eindeutig den undankbareren Job.
Auf dem Rückweg zum Auto nahmen wir einen letzten Blick auf die mächtige Silhouette der Kathedrale mit.
Nach Oxford (im Rahmen unserer Wales-Reise 2023) ist drei Jahre später nun die zweite bedeutende englische Universitätsstadt Cambridge an der Reihe. Verkehrstechnisch geben sich die beiden Städte nicht viel, mit dem Auto in die Innenstadt zu fahren sollte man erst gar nicht probieren, daher parkten wir außerhalb, checkten in unserem Hotel ein und frischten uns auf, bevor wir zu einer ersten Erkundung der Stadt aufbrachen.
Die alte Universitätsstadt zog uns sofort in ihren Bann. Touristen ließen sich – für 78 Pfund pro Person – von ortskundigen Stocherkahn-Führern ein Stück den River Cam entlang und an den rückwärtigen Fassaden der Colleges vorbei schippern. Andere versuchten sich – mit mehr oder weniger Erfolg – auf eigene Faust.
Die erste Brücke, die bei einer Kahnfahrt passiert wird, ist die vollständig aus Holz gefertigte Mathematical Bridge: diese verbindet den älteren Teil des Queens’ College mit dem modernen Neubau auf der gegenüberliegenden Seite.
Der Legende nach soll Isaac Newton sie ohne einen einzigen Nagel oder eine Schraube konstruiert haben. Studenten sollen sie angeblich eines Nachts auseinander gebaut und beim Zusammensetzen festgestellt haben, dass es ohne Verbindungsmittel nicht mehr funktionierte. In Wahrheit wurde die Brücke jedoch 1749 – 22 Jahre nach Newtons Tod – von James Essex dem Jüngeren erbaut – die Legende klingt besser als die Wahrheit.
Eine Filiale der Kette Rudy’s lockte uns zum Abendessen. Ein kurzer Marsch durch die Stadt vorbei an einer großen Shopping-Mall führte uns ans Ziel – und die versprochen neapolitanische Pizza enttäuschte nicht.



Auf dem Rückweg fiel uns eine Schlange vor einer Eisdiele auf – natürlich reihten wir uns brav ein. Ob die 15 Minuten Wartezeit wirklich gerechtfertigt waren, darüber waren wir uns nicht ganz einig – gut war das Eis von Jack’s Gelato aber auf jeden Fall. Die Wartezeit erklärte sich übrigens auch dadurch, dass die Eisdiele anbietet, Sorten mit einem kleinen Holzlöffelchen zu probieren – ein Angebot, das nahezu alle Wartenden vor uns ausgiebig in Anspruch nahmen.
Den Abschluss des Tages verbrachten wir wie viele andere Besucher/Studenten auch: auf der Mauer oder dem Rasen vor der imposanten Fassade des King’s College genossen wir die langsam sinkenden Temperaturen.

Morgen steht eine ausführlichere Erkundung der Stadt auf dem Programm.

















