Cambridge (25.05.) – Aale in Ealy und Eis in Cambridge

Nach drei Tagen London war es an der Zeit, unsere Zelte in der Großstadt abzubrechen und auf’s Land zu fahren. Der Stansted Express von Liverpool Street zum Flughafen London Stansted war unser erstes Fortbewegungsmittel – am Zielort wartete unser Mietwagen für die kommenden zehn Tage auf uns.

Am Europcar-Schalter angekommen, waren wir auf die obligatorische Frage nach einer Zusatzversicherung vorbereitet und lehnten dankend ab.

Achtung Kostenfalle – fast hätte es uns auch erwischt

Bei der Wahl des Fahrzeugs selbst hätten wir jedoch beinahe einen kostspieligen Fehler gemacht. Der ausgesprochen nette Mitarbeiter präsentierte uns zwei Optionen: einen VW Golf oder einen 3er BMW. Wir hatten uns schon fast für den Golf entschieden, als wir sicherheitshalber noch einmal einen Blick in unseren Buchungsbeleg warfen – und staunten nicht schlecht. Die angebotenen Fahrzeuge waren keineswegs ein Upgrade, sondern schlicht eine deutlich teurere Kategorie. Wären wir darauf eingegangen, hätten wir rund 700 Euro mehr bezahlt.
Wir wählten die Option, die man uns wohlweislich nicht angeboten hatte: die eigentlich schon gebuchte Kategorie „Opel Corsa oder vergleichbar”. Kurz darauf hielten wir die Schlüssel für einen Skoda Fabia in den Händen, der uns in den folgenden zehn Tagen ausgezeichnete Dienste leisten sollte.

Wer braucht auf Englands Straßen einen VW Golf oder 3er BMW,
wenn man einen Skoda Fabia haben kann?


Unser nächster Übernachtungsort war Cambridge, auf dem Weg dorthin machten wir zunächst einen Abstecher nach Ely.

Der Name des Ortes leitet sich von den Aalen ab, die man einst in der Sumpflandschaft rund um diese ehemalige Insel fing. Die umgebenden Fens, jahrzehntelang urbar gemachtes Marschland, prägen die Gegend bis heute. Gegründet wurde die Stadt von der heiligen Etheldreda (auf Deutsch “Edeltraud”) von Northumbria, die auf der Flucht vor ihrem Mann hier ein Kloster errichtete. Nach ihrem Tod sollen sich zahlreiche Wunder ereignet haben, die Pilger aus der ganzen Region anzogen – das ist der Grund, warum die drittkleinste Stadt Englands eine Kathedrale besitzt, die alles überragt und schon von weitem wie eine Fata Morgana aus der flachen Landschaft auftaucht.

Die Kathedrale von Ely mit unverkennbar normannischen Ursprüngen
Blick auf die Ostfassade der Kirche – der Anbau rechts ist die riesige Marienkapelle

Ausgestattet mit einem informativen Audioguide machten wir uns auf den Weg durch das Innere. Mit dem Bau wurde bereits 1081 begonnen. Zunächst waren wir schlicht von den Ausmaßen überwältigt: Das Kirchenschiff misst stolze 170 Meter, die aufwendige Deckenbemalung stammt aus dem 19. Jahrhundert.

Ein mächtiges Kirchenschiff in der drittkleinsten Stadt des Landes
Die Decke umfasst 12 Felder und zeigt den biblischen Stammbaum vom ersten Menschen bis hin zu Christus
Engel schmücken die Decke der Seitenschiffe

Hier und vor allem beim Vierungsturm lohnt es sich, den Kopf in den Nacken zu legen und ins Staunen zu geraten. Nachdem der zentrale Vierungsturm 1322 zusammengestürzt war, entstand an seiner Stelle ein achteckiger Turm mit einer außergewöhnlichen Holzkonstruktion – bis heute ein ingenieurtechnisches Meisterwerk.

Was für eine wunderschöne Holzkonstruktion im Vierungsturm der Kathedrale
In der Mitte des Vierungsturms thront eine Figur des erhöhten Christus umrahmt von Engeln

An den Kapitellen ringsum erzählen Steinmetzarbeiten Szenen aus dem Leben der heiligen Etheldreda.

Mittelalterliches Bilderbuch

Die Marienkapelle – flächenmäßig fast so groß wie eine eigenständige Kirche – beherbergt eine moderne Skulptur der Jungfrau Maria des Bildhauers David Wynne, die im November 2000 vom damaligen Prince of Wales, heute König Charles III., enthüllt wurde: ein gelungener Kontrast zur gotischen Pracht ringsum.

Was hier eine Marienkapelle ist an anderer Stelle eine eigene Kirche

Bei den Bischofskapellen aus dem 15. und 16. Jahrhundert hat man an Prunk ebenfalls nicht gespart. Ob das an der Himmelspforte geholfen hat, ist nicht überliefert.

Gebetskapelle des Bischofs Alcock aus dem späten 15. Jahrhundert
Auch in einer kleinen Kapelle ist Platz für eine prachtvolle Decke

Natürlich darf ein aufwendig geschnitztes Chorgestühl auch hier nicht fehlen:

Blick in den Chor der Kathedrale

Der Hauptdarstellerin, die den Grundstein für den Pilgeransturm legte, hat man natürlich auch ein Denkmal gesetzt:

Etheldreda wurde jung zwangsverheiratet und floh vor ihrem zweiten Ehemann nach Ely,
wo sie ein Doppelkloster für Männer und Frauen gründete
Wenn man genau hinschaut (oder ein gutes Kameraobjektiv hat), findet man ein Bildnis der Heiligen auch hoch oben als Schlussstein in der Decke

Eine aktuelle Attraktion der Kirche findet sich hoch oben im Turm. Ein Wanderfalkenpaar hat sich hier häuslich eingerichtet und zieht seine Jungen groß, beobachtet von einer Kamera, die das Bild in eine Nische des Kirchenschiffs überträgt.

Den jungen Wanderfalken ist es heute sicherlich auch zu warm

Bei für englische Verhältnisse fast schon unerträglicher Hitze suchten Einheimische und Besucher gleichermaßen Abkühlung im Schatten der Bäume am Ufer des Great Ouse – einst Lebensader der Stadt, heute beliebte Wasserstraße für Freizeitkapitäne und ihre Ausflugboote.

Im Freien ließ es sich heute nur im Schatten der Bäume aushalten – oder bei einer Bootsfahrt auf der Ouse

Nach einem Viertelstundenmarsch erreichten wir das einladende Café Riverside mit Blick auf den Fluss, wo man sich die schattigen Plätze redlich erkämpfen musste. Die Bedienungen hatten bei diesen Temperaturen eindeutig den undankbareren Job.

Auf dem Rückweg zum Auto nahmen wir einen letzten Blick auf die mächtige Silhouette der Kathedrale mit.

Vom angrenzenden Park haben Besucher der Stadt einen schönen Blick auf die Kathedrale

Nach Oxford (im Rahmen unserer Wales-Reise 2023) ist drei Jahre später nun die zweite bedeutende englische Universitätsstadt Cambridge an der Reihe. Verkehrstechnisch geben sich die beiden Städte nicht viel, mit dem Auto in die Innenstadt zu fahren sollte man erst gar nicht probieren, daher parkten wir außerhalb, checkten in unserem Hotel ein und frischten uns auf, bevor wir zu einer ersten Erkundung der Stadt aufbrachen.

Die alte Universitätsstadt zog uns sofort in ihren Bann. Touristen ließen sich – für 78 Pfund pro Person – von ortskundigen Stocherkahn-Führern ein Stück den River Cam entlang und an den rückwärtigen Fassaden der Colleges vorbei schippern. Andere versuchten sich – mit mehr oder weniger Erfolg – auf eigene Faust.

Stocherkahnfahren – bei der Hitze bestimmt kein Vergnügen

Die erste Brücke, die bei einer Kahnfahrt passiert wird, ist die vollständig aus Holz gefertigte Mathematical Bridge: diese verbindet den älteren Teil des Queens’ College mit dem modernen Neubau auf der gegenüberliegenden Seite.
Der Legende nach soll Isaac Newton sie ohne einen einzigen Nagel oder eine Schraube konstruiert haben. Studenten sollen sie angeblich eines Nachts auseinander gebaut und beim Zusammensetzen festgestellt haben, dass es ohne Verbindungsmittel nicht mehr funktionierte. In Wahrheit wurde die Brücke jedoch 1749 – 22 Jahre nach Newtons Tod – von James Essex dem Jüngeren erbaut – die Legende klingt besser als die Wahrheit.

Mathematical Bridge

Eine Filiale der Kette Rudy’s lockte uns zum Abendessen. Ein kurzer Marsch durch die Stadt vorbei an einer großen Shopping-Mall führte uns ans Ziel – und die versprochen neapolitanische Pizza enttäuschte nicht.

Auf dem Rückweg fiel uns eine Schlange vor einer Eisdiele auf – natürlich reihten wir uns brav ein. Ob die 15 Minuten Wartezeit wirklich gerechtfertigt waren, darüber waren wir uns nicht ganz einig – gut war das Eis von Jack’s Gelato aber auf jeden Fall. Die Wartezeit erklärte sich übrigens auch dadurch, dass die Eisdiele anbietet, Sorten mit einem kleinen Holzlöffelchen zu probieren – ein Angebot, das nahezu alle Wartenden vor uns ausgiebig in Anspruch nahmen.

Was macht der Mensch, wenn er eine Schlange sieht – einfach hinten einreihen

Den Abschluss des Tages verbrachten wir wie viele andere Besucher/Studenten auch: auf der Mauer oder dem Rasen vor der imposanten Fassade des King’s College genossen wir die langsam sinkenden Temperaturen.

Sieht nicht wie ein Teil der Universität, sondern vielmehr nach einem Herrscherpalast aus, oder? Hier regiert die Bildung!

Morgen steht eine ausführlichere Erkundung der Stadt auf dem Programm.

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